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György Ligeti, Tristan Murail, George Benjamin

Lontano, Le désenchantement du monde, Palimpsests

Pierre-Laurent Aimard, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, George Benjamin

NEOS/harmonia mundi NEOS 11422
(62 Min., 5/2012)

Die Erkundung der inneren Kräfte von Musik hatten sich in den 1970er Jahren speziell in Frankreich Komponisten auf die Fahne geschrieben, die unter dem Namen Spektralisten berühmt geworden sind. Zu ihnen zählten Gérard Grisey, Hugues Dufourt und Tristan Murail. Und nicht zuletzt Murail war es auch, der in einem 1980 in Darmstadt gehaltenen Vortrag das Credo des Spektralismus noch einmal mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht hat: „Ich mache Musik, indem ich wie ein Bildhauer das Klangmaterial aushöhle und die Form enthülle, die im Steinblock verborgen ist, und nicht, indem ich sie aus Bausteinen konstruiere, wie es bei einer traditionellen Annäherung oder im Kontrapunkt, einschließlich dem Seriellen, der Fall ist.“ Statt also die unmittelbar greifbaren Elemente des Klangmaterials auf eine weitere, neue Weise zu sortieren, entwickelte man aus einer Art Klangmasse die entsprechend plastische Form. Und genau diese Herangehensweise sollte vom Grundsatz her nicht nur Murail etwa mit György Ligeti und seinen in den 1960er Jahren entwickelten, riesigen Klangorganismen verbinden.
Daher ist auch die Kombination von Werken Ligetis und Murails nun durchaus sinnig. Wenngleich es zwischen Ligetis Orchesterklassiker „Lontano“ (1967) sowie Murails Klavierkonzert „Le désenchantement du monde“ (2011/12) natürlich mehr als nur graduelle Unterschiede gibt. Ligetis „Lontano“ ist quasi die Erforschung ferner und naher, extrem schillernder und fluoreszierender Klangräume und -gebilde, die nicht selten auratisch geheimnisvoll in der Schwerelosigkeit zu verharren scheinen. Ähnlich kommt immer wieder auch Murails „Entzauberung der Welt“ daher (so der deutsche Titel seines Klavierkonzerts). Obwohl bisweilen extrem virtuos, aufgepeitscht in der Anlage, reichen schon mal nur einige wenige Einzeltonschritte aus, um einen scheinbar kaum zu stoppenden Klang-Prozess des Zusammenwirkens, Überlagerns und Verschmelzens, der Wucherungen und Stauchungen loszutreten. Bei dem Live-Mitschnitt der Uraufführung, die im Mai 2012 im Rahmen der Münchner Neue Musik-Reihe „Musica Viva“ stattfand, saß Pierre-Laurent Aimard am Flügel. Und zusammen mit Dirigent George Benjamin und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gelang ihm aus dem Stand heraus eine mitreißend hochspannungsgeladene Feuertaufe mit Referenzwert. Nicht weniger farbintensiv und körperreich fielen aber auch die Aufführungen eben von Ligetis „Lontano“ sowie der beiden in ihrer Bewegungslust wesentlich offensiver daherkommenden Orchesterstücke „Palimpsest I & II“ aus, mit denen der Engländer und – wie Murail – einstige Messiaen-Schüler George Benjamin u.a. im Jahr 2000 Pierre Boulez zum 75. Geburtstag gratuliert hatte.

Guido Fischer, 17.09.2016



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