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Johann Sebastian Bach

Bauernkantate, „Amore traditore“, „Non sa che sia dolore“

Mojca Erdmann, Dominik Wörner, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki

BIS/Klassik Center BISSACD-2191
(63 Min., 9/2015) SACD

Humor hat in der Musik meist eine noch kürzere Halbwertszeit als alle ins Ernste oder Traurige zielenden Affekte. Drum ist es nicht leicht, ein bewusst derb und bäuerlich gehaltenes Gelegenheitswerk wie Bachs „Bauernkantate“ so auf einen Tonträger zu bannen, dass die dadurch erzeugte endlose Reproduzierbarkeit der Darbietung nicht zum Problem wird. Suzuki und sein Ensemble gewährleisten bleibende Freude an der Aufnahme vor allem durch zwei Maßnahmen: Die instrumentale Ebene, besonders das improvisatorische Geschehen im Continuo, ist mit größter interpretatorischer Perfektion umgesetzt – man musiziert hier mit demselben Finish wie bei den geistlichen Kantaten, mit diesem Aspekt der Darbietung wird nicht „gespaßt“. Und auf vokaler Ebene hält man sich gleichfalls zurück mit übertriebenen Effekten, die leicht ins Alberne abzugleiten pflegen. Nach dem Motto „das Volk tümelt nicht“ präsentieren Mojca Erdmann und Dominik Wörner das Bediensteten-Paar nicht als Karikatur einfacher Leute, sondern einfach unmittelbar so, wie es sich auf Basis der kräftigen Musik und vor allem der dialektdurchzogenen Sprache eben gibt. Was daran allenfalls stört, ist Erdmanns oft eher unruhig geführte Stimme mit Vibrato auf Nebensilben und ähnlichen sprachverunklarenden Allüren – historische Aufführungspraxis ist eben gerade in puncto Gesang und Sprache kein verlässliches Label mehr. Klaus Hofmanns Ausführungen im Beiheft tragen eine Menge zum Verständnis des verklausulierten Textes bei – ein unerlässliches und wertvolles Hilfsmittel für jeden, der nicht nur einfach die Musik hören, sondern auch den Entstehungsanlass des Stücks begreifen will.
Ergänzt wird die Bauernkantate nicht – wie so häufig sonst – durch die „Kaffeekantate“, sondern durch zwei Solowerke, die jedem der beiden Solisten noch einmal Gelegenheit zu etwas anspruchsvollerer künstlerischer Entfaltung geben. Leider sind „Non sa che sia dolore“ und „Amore traditore“ hinsichtlich der Quellenlage bis heute höchst problematische Stücke, denn sie wollen aus unterschiedlichen Gründen nicht so recht ins Werk des Thomaskantors passen. Sei’s drum – wir genießen sie dennoch immer wieder gern.

Michael Wersin, 24.09.2016



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