Marcus Antonius Wesselmann

Kammermusikwerke II (Dezett, Undezett, Duodezett, The Light Will Go On)

Frank Ollu, Ensemble Modern

NEOS/harmonia mundi NEOS 11609
(75 Min., 2008, 2009, 2015)

 

Ingo Schulze

Die Abflussrohre spuckten ihre Eisblöcke wie abgelutschte Bonbons auf den Gehsteig

Ensemble Modern, Hermann Kretzschmar, Judith Engel, Sylvester Groth, Thomas Thieme

Ensemble Modern/Edel 1064034ENM
(77 Min., 2016)

 

Mit zwei gänzlich unterschiedlichen CD-Produktionen unterstreicht das Frankfurter Ensemble Modern einmal mehr seinen Ruf als eines der besten, scheuklappenlosen Neue Musik-Kollektive. Denn sowohl die musikliterarische Zusammenarbeit mit Schriftsteller Ingo Schulze sowie ein weiteres Klangporträt vom in Köln lebenden Komponisten Marcus Antonius Wesselmann besitzen nicht nur hohen Überraschungs- und nicht selten auch Unterhaltungswert. Beide Projekte stehen für ein sich ständig erneuerndes Bild von den Möglichkeiten der jüngeren und jüngsten Moderne. Die Spezialität von dem gebürtigen Gelsenkirchener Wesselmann ist ein prozessuales Klangdenken, das sich vorrangig aus der Minimal Music und ihrer repetitiven Muster speist. Nichts wäre aber langweiliger als ein weiterer Abklatsch soghafter Abläufe, wie sie etwa Minimal Music-Gurus wie Philip Glass und Michael Nyman zuhauf geboten haben. Auch Wesselmanns jetzt eingespielten Ensemblewerke, die zumeist nach ihren Besetzungsstärken wie „Dezett“ mit seinen zehn Instrumentalisten benannt sind, besitzen vielmehr eine Komplexität im dreidimensional Strukturellen. Nicht nur zeichnen sich in den Werken aus dem Zeitraum 2000 („Undezett“) - 2013 („The Light Will Go On“) Infusionen aus dem avancierten Bigband-Jazz ab. Bisweilen kommt es zu rhythmischen und melodiösen Verschachtelungen und Verläufen, die erstaunlich an Hanns Eisler, aber auch an Franz Zappa und damit an zwei Komponisten erinnern, mit denen sich das Ensemble Modern in seiner Geschichte bereits intensiv beschäftigt hat.
Mit „Die Abflussrohre spuckten ihre Eisblöcke wie abgelutschte Bonbons auf den Gehsteig“ legt das Ensemble Modern dagegen erstmals eine Hörspielproduktion vor. Wobei der Ensemble-Pianist und Regisseur Hermann Kretzschmar auf diesem Gebiet über eine langjährige Erfahrung verfügt. Ausgewählt wurden dafür und in Zusammenarbeit mit Ingo Schulze Texte aus seinen Prosabänden wie „33 Augenblicke des Glücks“, die sich um Begegnungen, Erinnerungen, Sehnsüchte von Menschen in Berlin, Rom oder St. Petersburg drehen. Passend zu den jetzt von drei bekannten Schauspielern eingesprochenen Passagen hat Kretzschmar Kammermusikwerke aus dem 20. Jahrhundert ausgewählt – darunter ein „Perpetuum mobile“ von Erwin Schulhoff, eine „Music For Carillon“ von John Cage sowie eine Toccata von Hans Werner Henze. Und im Dialog mit Schulzes Texten scheinen diese kleinen Musikstücke plötzlich wie exklusiv für sie geschrieben.

Guido Fischer, 01.10.2016




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