Responsive image

Boomerang

Itamar Borochov

Laborie/Edel 1015883LAE
(53 Min., 11/2015)

Auch wenn er eine ähnliche Sonnenbrille trägt wie Miles Davis auf dem Cover der Platte „‘Round About Midnight“ beschränken sich die Vorlieben des israelischen Trompeters Itamar Borochov keineswegs auf die Jazzklassik. Der in Jaffa aufgewachsene Bläser, der 2007 nach New York zog, interessiert sich nicht nur für die Klänge aus seiner Heimat, sondern unter anderem für die nordafrikanische Gnawa- und Chaabi-Musik, ist Arrangeur und Co-Produzent der Weltmusik-Formation Yemen Blues und blies auch schon für den israelischen Rockstar Dudu Tassa ins Horn.
All diese Einflüsse sind nun auch in Borochovs erstem Album für das französische Label „Laborie“ zu vernehmen. Dabei fungiert sein Trompetentrichter als Schmelztiegel, der ähnlich wie die Kollegen Steven Bernstein oder Paul Brody den jüdischen Blues mit dem der Neuen Welt ineinanderfließen lässt. Ist im Albumauftakt „Tangerines“ noch eine gewisse Verwandtschaft zu europäischen Trompetern wie Tomasz Stanko oder Enrico Rava zu erkennen, kombiniert Borochov in anderen Stücken orientalische Melismen mit uralten jüdischen geistlichen Melodien („Adon Olam“), zeigt seine Befähigung zur Bebop-Raserei („Jones Street“), grüßt einmal hymnisch singend und Saiteninstrumente zupfend Pat Metheny („Wanderer“) und offenbart vom Kompositorischen her immer wieder eine Leidenschaft für turbulente Latin-Grooves.
Wobei – was sehr reizvoll ist – nicht immer ganz klar scheint, ob diese Rhythmen afrokubanisch sind (wie etwa der an Duke Ellingtons „Caravan“ erinnernde „Jaffa Tune“) oder doch aus der trommelnden Ekstase Nordafrikas herrühren (etwa in dem sich zum Schluss in einen Derwisch-Rausch steigernden „Ça va bien“).
Ihre konzentrierte Spannkraft und klare Verortung im nordamerikanischen Gegenwartsjazz erhalten die Stücke auf „Boomerang“ durch die Zusammenstellung von Borochovs Quartett: Dem israelischen Trompeter und seinem Bruder Avri am Bass stehen mit Michael King am Klavier und Jay Sawyer zwei ebenfalls vielversprechende US-Amerikaner gegenüber. Gemeinsam produziert man eine Musik, die eher einem elastischen Springseil als einem Bumerang gleicht.

Josef Engels, 01.10.2016



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top