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Franz Liszt

Douze études d´exécution transcendante, Konzertetüden, Grandes études de Paganini

Daniil Trifonov

DG/Universal 479 5529
(118 Min., 9/2015) 2 CDs

Halbe Sachen scheint Daniil Trifonov gar nicht zu mögen. Das hat er schon 2013 bei seinem diskografischen Durchbruch gezeigt, als er im Live-Mitschnitt aus der Carnegie Hall allein vom Programm her aufs Ganze und darüber hinaus ging, mit Sonaten von Skrjabin und Liszt sowie Chopins 24 Préludes. Und auch danach hat er bei seinen Recitals regelmäßig das geistig und körperlich eigentlich Unmögliche möglich gemacht. Dementsprechend verwundert es wenig, dass Trifonov für sein aktuelles Doppel-Album so ziemlich mit das Schwierigste aufgenommen hat, was Franz Liszt für sein Hypervirtuosenzeitalter geschrieben hatte. Auf CD Nr. 1 sind die „Douze études d´exécution transcendante“ versammelt. CD Nr. 2 bündelt die drei Konzertetüden S 144 mit den beiden Geschwisterwerken S 145 sowie den Paganini-Etüden. Nun haben sich an all diesen „wahren Sturm- und Grauseetüden“ (Schumann) selbst die besten Pianisten generationsübergreifend versucht – und die meisten haben sich dann unter dem Strich anständig aus der Affäre gezogen und immerhin beachtlich brillant ins Ziel gerettet. So zuletzt 2009, als die junge Alice Sara Ott sich auf dem Gelblabel mit den „Études d'exécution transcendante“ vorstellte. Nun legt also Trifonov ebenfalls auf diesem Traditionslabel nach und lässt auf Anhieb die Erinnerungen an jene bisher unerreichte, ebenfalls bei der Deutschen Grammophon veröffentlichten Lisztiade wach werden, die Trifonovs Landsmann Lazar Berman 1963 vorlegte.
Was Trifonov mit Berman verbindet, ist diese kolossale, enthemmt wirkende, aber nie aus dem Ruder laufende Pianistik bei gleichzeitig exorbitanter Musikalität. Nichts wirkt quer durch die 23 Etüden am puren Effekt aufgehängt – wenngleich Trifonov selbstverständlich keine Probleme hat, jenes großartige Donnergeklingel anzustimmen, wie es etwa heute sein Kollege Denis Matsuev so überwältigend beherrscht. Aber Trifonov lässt andererseits keine Gelegenheit verstreichen, das irrwitzig Manuelle im Ausdruck und Gestalterischen aufzulösen. In der Transzendentalen Etüde Nr. 4 „Mazeppa“ wird die ukrainische Steppe geradezu schonungslos durchpflügt – wobei Trifonov die Spannung dieses eigentlich tragischen Heldenporträts, das Liszt zur gleichnamigen Sinfonischen Dichtung ausarbeiten sollte, fast bis an den Rand des Kollapses steigert. Zwei Etüden später – in den „Visions“ – lässt Trifonov in den einleitenden, dunkel-verhangenen Gedankenflüssen erahnen, was Liszt für Skrjabin und Debussy bedeutete. Und wieder zwei Etüden später – in der „Wilden Jagd“ – prasselt es derart mephistophelisch auf die Tasten nieder, als ob sich Liszt kurz zuvor mit Berlioz zur musikalischen „Faust“-Lektüre getroffen hätte. Trifonov weiß sich aber nicht nur durch die komplexesten Akkord- und Oktavenballungen mit einer schier unglaublichen Leichtigkeit zu bewegen. Auch in den Konzertetüden (da vor allem in der Des-Dur-Etüde „Un sospiro“) bewegt er sich charmant zwischen Liedsänger und verlockendem Belcanto. Gegen Ende muss Trifonov es aber dann doch noch mal in aller Deutlichkeit funkeln lassen. Zu Recht und zum Glück, wie er es allen nicht nur in der finalen Paganini-Etüde zeigt.

Guido Fischer, 08.10.2016



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