Ein Künstlerleben der Gegensätze – so könnte man den diskografischen Output umschreiben, mit dem Renaud Capuçon nicht zuletzt in diesem Jahr überrascht hat. Anfang 2016 brachte der französische Meistergeiger romantisch-brillantes Konzertfutter heraus, darunter Werke von Max Bruch und Pablo de Sarasate. Nun ist er mit einem Satz ins 21. Jahrhundert gesprungen und legt in Weltersteinspielungen drei Violinkonzerte vor, die ihm die prominenten Komponisten Wolfgang Rihm, Pascal Dusapin und Bruno Mantovani gleich auch noch gewidmet haben. Formal hat die Konzert-Gattung natürlich längst zahllose Häutungen und Mutationen durchgemacht. Und so könnte man noch am ehesten das mit „Aufgang“ betitelte Konzert von Dusapin mit seinen drei Sätzen und einer Spieldauer von rund 30 Minuten als ein klassisches Violinkonzert bezeichnen – auch im Vergleich zu den beiden einsätzigen Werken von Rihm und Mantovani. Was aber die drei Werke miteinander grundlegend verbindet, ist die Lust der Komponisten an einem reichen Klangfarbenspektrum, das eine enorme sinnliche Anziehungskraft ausübt. Bei den Franzosen Dusapin und Mantovani, die von ihrem Klangdenken her eigentlich wenig Gemeinsames besitzen, ist auch die verästelte Schönheit mit ihren spannungsgeladenen Linien und Flächen nicht überraschend. Wolfgang Rihm, dieser irrwitzige Vielschreiber, zeigt sich hingegen durchaus von einer unerwarteten Seite, da er völlig auf die von ihm gewohnten, heftigen Auswuchtungen und Verkantungen verzichtet hat. Hinter dem rund 15-minütigen Werk „Gedicht des Malers“ stecken laut Booklettext Verbeugungen vor dem belgischen Geigenvirtuosen Eugène Ysaÿe sowie dem deutschen Maler Max Beckmann. So wenig sich diese Persönlichkeiten im Laufe des Stücks in dieser oder jener Form zu erkennen geben, so zeigt sich Rihm immerhin von den bitter, verzweifelt und beklemmend ausgesungenen Melodien fasziniert, wie sie zu Beginn des 20. Katastrophenjahrhunderts von den Schönbergs und Bergs gesungen wurden. Auch hier verlangt der Solo-Part Renaud Capuçon einfach alles ab. Doch wie in den beiden anderen Konzerten ist Capuçon nicht nur hochkonzentriert bei der Sache. Ihm gelingt es, den spieltechnischen Aufwand vollkommen vergessen zu lassen – angesichts des Reichtums dieser zeitgemäßen Musik, den er zusammen mit den verschiedenen Dirigenten und Orchestern offenbart.

Guido Fischer, 12.11.2016



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