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Groove and The Abstract Truth

BuJazzO

Double Moon/in-akustik 05711584
(51 Min., 8/2014)

Die Zeiten, als das Bundesjugendjazzorchester (BuJazzO) für die präzise Wiedergabe der Big-Band-Tradition zu höchsten Übungszwecken stand, sind endgültig vorbei. Mit „Groove and The Abstract Truth” mag das Elite-Nachwuchsorchester zwar noch dem Titel nach auf eine Big-Band-Großtat aus den 1960ern, Oliver Nelsons „The Blues and The Abstract Truth“, rekurrieren – inhaltlich ist das von Niels Klein geleitete Ensemble inzwischen ganz auf die Postmoderne getrimmt.
Swing ist hier nicht mehr das Ding, sondern die komplexe Verschachtelung moderner Spielformen, Grooves und Sounds. Stellvertretend für diese Haltung sei Frank Wingolds „Close Encounters Of The Blurred Kind“ genannt, eine fast schon slapstickhafte Tour de Force durch Zeit und Raum. Was orchestermusikalisch dramatisch wie der Soundtrack zu einer Verfolgungsjagd nach Jack Arnolds „Ding aus dem Sumpf“ beginnt, mutiert nacheinander zu einem Kurt-Weill-Marsch, zu einer Tour de Force für die Bläsersektion, zu einem makellosen Beispiel für die zeitgenössische europäische Klavier-Innerlichkeit sowie zu einer mit à la Kamasi Washington mit Chorgesang angereicherten Titelmelodie für eine Science-Fiction-Klamotte, bevor beim Posaunensolo die Rock-Sau herausgelassen wird.
Das BuJazzO, aus dessen Reihen in der Vergangenheit so ziemlich jeder bedeutende deutsche Jazzmusiker von Brönner bis Wollny stammte, zeigt sich allen Herausforderungen gewachsen. Ob Indie-Rock mit hängendem-Schallplatten-Effekt (Kleins „Worn Out Lovesong Machine“), berauschende, mit Tonalitäten und Klangflächen spielende Gesangs-Arrangements (u.a. im von Theo Bleckman geschriebenen „Longing“), virtuoser Deutsch-Rap (Kalle Kalimas „Stock Market Crash On The Planet Boo Boo“) oder irrwitzig konstruierter Zappa-Jazz mit einem Schlagzeugsolo, das klingt wie ein verrückt gewordenes Nagetier im Werkzeugschuppen (im ebenfalls von Kalima stammenden „Mr. Wolf“) – die jungen Musiker zeigen sich satztechnisch und solistisch vollkommen souverän.
Das neue BuJazzO gibt ihnen so viel Handwerkszeug mit auf den Weg, dass man sich um die Zukunft des hiesigen Jazz nicht zu sorgen braucht. Es muss ja nicht jedes Talent sämtliche Stilarten hektisch auf einmal zur Schau stellen, wie es auf „Groove and The Abstract Truth“ stellenweise der Fall ist.

Josef Engels, 20.11.2016



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