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Johannes Brahms

Streichquintette

Mandelring Quartett, Roland Glassl

Audite/Edel 1097724ADT
(54 Min., 4/2016)

Rätselhafter Johannes Brahms: Den einen ein Romantiker, den anderen ein Modernist; den einen ein verknöcherter Reaktionär, den anderen ein Zukunftsmusiker. In diesem Spannungsfeld stand die Brahms-Rezeption schon immer – auch bereits zu Lebzeiten des Komponisten. Nicht einmal Eduard Hanslick, der Brahms mit stark verkrümmtem Blick zum Anwalt seines musikästhetischen Systems machte, konnte sich durchweg unmittelbar für dessen Kompositionen erwärmen: Das Streichquintett G-Dur, das wir auf dieser CD hören, brandmarkte er nach dem Kennenlernen in konzertanter Aufführung schlichtweg als zum Gähnen langweilig (um es dann in einer Kritik doch noch zu belobigen). Dabei begeistern auch die Streichquintette – wie eigentlich fast alles von Brahms – durch ihre Vielfalt in Ausdruck und Gestalt sowie durch ihre stilistischen Eigenheiten, die auch Bezüge zu Werken anderer Meister einschließen: So klingt etwa das Finale des F-Dur-Quintetts deutlich an ein beethovensches Vorbild an, ganz ohne sich indes als Plagiat der Vorlage zu entwickeln.
Das Mandelring Quartett mit Roland Glassl als zusätzlichem Bratscher macht die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Musik in tiefgreifender Weise hörbar: Wir genießen in vollen Zügen die kantable Schönheit des Kopfsatzes vom ersten Quintett; wir erleben die erwähnten Beethoven-Anklänge des Finales in einer geradezu sinfonischen Fülle des Klangs, die das polyphone Stimmengeflecht in keiner Sekunde dem Verdacht des Akademismus aussetzt. Der Kopfsatz des G-Dur-Quintetts atmet den Geist einer an Schubert gemahnenden Leidenschaftlichkeit, und die Melancholie des anschließenden Adagios vermittelt sich hier durch die sehr kantable Darbietung der einzelnen Stimmen. Kurzum: Die Mandelring-Musiker lassen uns Brahms in der ganzen manchmal verwirrenden Breite seines Ausdrucksspektrums und ästhetischen Gehalts erleben – und das ist sehr gut so!

Michael Wersin, 03.12.2016



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