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Josquin des Prés

Missa „di dadi“, Missa „Une mousse de Biscaye“

The Tallis Scholars, Peter Phillips

Gimell/Note 1 CDGIM048
(71 Min., 2016)

Mit einer Sängerbesetzung, die ein hohes Interpretationsniveau ermöglicht, aber leider nicht annähernd jene charmante Eleganz erreicht, die die Tallis Scholars Ende der 80er Jahre auszeichnete, widmet sich Peter Phillips zwei wenig bekannten Messen von Josquin des Prés. Es handelt sich um die Missa „di dadi“ und die Missa „Une mousse de Biscaye“. Beide Messen sind über weltliche Cantus firmi komponiert, letzterer besingt in seinem Originaltext ein Mädchen aus der spanischen Provinz Biskaya.
Die Verwendung weltlicher Cantus firmi in Messkompositionen gehört zu denjenigen Merkwürdigkeiten der Musikgeschichte, die aus heutiger Sicht nicht mehr so leicht zu verstehen sind. Allerdings gibt nicht nur das Zusammenfließen profaner Musik und sakraler Texte zum Zweck der liturgischen Verwendung Rätsel auf; geht man unverkrampft an die Sache heran, könnte man auch fragen: Wenn schon ein profanes Lied als Tenor verwendet wird – warum färbt sein Charakter dann so wenig auf die Musik der Messkomposition ab? Tatsächlich bleibt in den beiden hier präsentierten Josquin-Messen das Spiel mit den weltlichen Melodien ein Faszinosum allein für den Musikwissenschaftler, der die Partitur studiert (in entsprechenden Parodie-Messen von Orlando di Lasso etwa ist das ganz anders); der Hörer erlebt, zumal wenn er die Melodien nicht kennt, die Alliance der unterschiedlichen Sphären de facto nicht mit. Ebenso wenig spielt es für ihn eine Rolle, dass den Sätzen der Missa „di dadi“ in ihrer originalen Druckfassung von Petrucci Abbildungen von Würfeln (italienisch „dadi“) vorangestellt sind, deren Zahlen die Proportion wiedergeben, mit der die Notenwerte der Tenormelodie augmentiert werden müssen, damit die sich in das Geflecht der übrigen Stimmen einfügt.
Zwar erklärt Peter Phillips diese Dinge einigermaßen nachvollziehbar (für den Fachmann) im Beiheft. Es wäre allerdings zu fragen, ob die Präsentation solcher Messen nicht geschickter und einfallsreicher geschehen müsste: Zumindest die Cantus firmi sollten als eigener Track allein hörbar gemacht werden, damit das Publikum wenigstens eine Chance hat, sie in den Messsätzen wiederzuerkennen. Die semantischen und kontrapunktischen Spielereien der Renaissance-Komponisten sind ohne Zweifel ein hochinteressantes Gebiet – aber wenn sie dem interessierten Publikum nicht engagierter nahegebracht werden, bleiben sie das Geheimnis von Spezialisten – und die dazugehörige Musik bleibt im Elfenbeinturm.

Michael Wersin, 03.12.2016



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