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Johann Sebastian Bach

Brandenburgische Konzerte

Wiener Kammerorchester, Josef Mertin

Supraphon/Note 1 SU 4213
(108 Min., 1950) 2 CDs

Der 1904 im böhmischen Braunau geborene Josef Mertin gehörte zu den wichtigen Wegbereitern der „historisierenden Aufführungspraxis“. Während seiner jahrzehntelangen Lehrtätigkeit in Wien inspirierte und beeinflusste er zahlreiche Pioniere dieser Praxis, unter ihnen auch Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt oder Eduard Melkus. Im Jahre 1950 produzierte er mit seinem Wiener Kammerorchester, dem die Genannten und einige andere prominente Protagonisten der frühen Originalklang-Szene angehörten, im Wiener „Casino Baumgarten“ eine Aufnahme aller sechs „Brandenburgischen Konzerte“ von Bach, die als erste Gesamtaufnahme des Zyklus‘ auf alten Instrumenten gilt. Zur selben Zeit produzierte allerdings auch schon August Wenzinger seine Einspielung für die „Archiv-Produktion“.
Der Hörer erlebt mit dieser Einspielung sowohl Bemerkenswertes als auch schlichtweg Misslungenes: Die immer wieder quälend zu tief spielende Traversflöte im ersten Satz des „Fünften“ trübt die Freude erheblich; im selben Werk überzeugt der Cembalist Bruno Seidlhofer mit einer gestochen scharfen Wiedergabe des kniffligen Soloparts. Die beachtliche Ensemblekultur der Streicher in sehr kleiner Besetzung wird im „Dritten“ sehr gut hörbar, und im „Sechsten“ bewundern wir Gustav Leonhardt als Gambist, eventuell an der Seite von Nikolaus Harnoncourt, der vermutlich den anderen Gambenpart spielte. Gerne wüssten wir mehr über die Trompete, die Helmut Wobisch im „Zweiten“ verwendete; es scheint, als habe man hier ein wenig mit der Aufstellung der vier Soloinstrumente experimentieren müssen, um jene Ausgewogenheit zu erzeugen, die das Werk auch hier schon zum Konzert für vier Solisten (und nicht zum Trompetenkonzert) macht.
Viele der Tempi, die Mertin wählte, sind noch deutlich ruhiger als diejenigen, die wir heute zu hören gewohnt sind – besonders deutlich wird das im Kopfsatz des „Vierten“. Interessant ist jedoch seine offenbar sehr strikte Auffassung von Tempo-Stabilität: Um sich von Romantizismen abzusetzen, erlaubte man sich keinerlei Abweichungen von einem Grundpuls, der eben deshalb gelegentlich zu einem nicht übermäßig eleganten Stampfen neigt; musikalisch-rhetorische Aspekte, die das verhindern würden, scheinen noch keine allzu große Rolle gespielt zu haben. Aber wie auch immer: Ein gewichtiges historisches Dokument ist diese Aufnahme allemal, und daher ist es gut, dass sie jetzt als Ganzes bequem erhältlich ist.

Michael Wersin, 17.12.2016



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