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The Broader Picture

Billy Hart, WDR Big Band

Enja Yellowbird/Soulfood ENJA9745
(80 Min., 4/2015)

Der 1940 geborene US-Schlagzeuger Billy Hart ist ein Phänomen. Er spielte einst u.a. mit Shirley Horn, Herbie Hancock und Pharoah Sanders, war auf Miles Davis' „On The Corner“ zu hören und lehnte ein Angebot des von ihm über alles verehrten John Coltrane aus Angst davor ab, seinen musikalischen Visionen nicht zu genügen. Wo andere mit Mitte 70 abbauen, gibt Hart jetzt noch mal richtig Stoff – und zwar nicht nur als Pulsgeber in seinem eigenen Quartett und dem von Johannes Enders, sondern auch als ungemein belebendes Element für die großorchestrale Tradition des Jazz, die eigentlich nie so sein Ding war.
Ermutigt von seinem ehemaligen Schüler Christophe Schweizer, der auch das Dirigat und die Arrangieraufgaben übernahm, ließ sich Hart auf eine Zusammenarbeit mit der WDR Big Band ein. Das Ergebnis ist erstaunlich und zeigt, was passieren kann, wenn man sich aus seiner Komfortzone heraus bewegt. Was in diesem Fall in erster Linie auf das WDR-Orchester zutrifft.
Die Stücke des Schlagzeugers, aber auch seine unorthodoxe, alle gesanglichen Möglichkeiten seiner Felle und Becken auskostende Art des Spiels zwingen die Big Band permanent zum Umdenken. Nix Swingtime und Fusion-Boom-Bang – auf „The Broader Picture“ geht es um Stimmungsmalerei, aber auch um kultivierten Aggressionsabbau.
In „Teule's Redemption“ etwa schreit und seufzt Paul Hellers Saxofon, während Paul Shigiharas E-Gitarre wie ein wütendes Insekt klingt. Im „Song For Balkis“ erinnert Harts Schlagzeug an ein Auto mit einem klappernden Teil im Getriebe, das durch eine Nacht voller Sterne fährt, obgleich der Himmel dann und wann von zerfaserten Klangflächen der Bläser bedeckt wird.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Mit Avantgarde hat das nichts zu tun. Alles auf „The Broader Picture“ lässt sich auf Bekanntes zurückführen – „Imke's March“ basiert beispielsweise auf einem aus New Orleans stammenden Second-Line-Groove, „Tolli's Dance“ hat ein abgewandeltes Bluesschema und Souljazz-Segmente im Erbgut, „Teule's Redemption“ lebt unverkennbar von der Spiritualität eines Pharoah Sanders. Nur klingt hier nichts so, wie man erwarten würde. Was an der bemerkenswerten Offenheit der WDR Big Band und Billy Hart liegt, sich von sich selbst überraschen zu lassen. Und darum geht es ja schließlich im Jazz.

Josef Engels, 17.12.2016



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