Dass man Motetten der Renaissance oder des Frühbarock teilweise oder auch gänzlich instrumental besetzen kann, ist eine bekannte Tatsache. Dass eine solche Aufführungspraxis dann aber auch zu einem klanglich so plastischen und differenzierten, zudem in rhetorischer Hinsicht (ohne Worte!) so aussagekräftigen Ergebnis führt wie auf dieser CD, ist allerdings überhaupt nicht selbstverständlich. Fast erschrickt man, wenn man nach der rein instrumentalen Wiedergabe von Schütz‘ „Wohl dem, der den Herrn fürchtet“ zum ersten Mal die einzige Sängerin dieses Programms, Alice Foccroulle, mit Schütz‘ „Eile mich Gott zu erretten“ hört: Wie explizit klingen die „echten“ Textworte dieser hochexpressiven Monodie nach der vorausgegangenen rein instrumentalen Klangrede, die bei so sensibler Umsetzung eben auch schon eine Rede war.
Der Wechsel zwischen instrumentaler und vokal-instrumentaler Wiedergabe wird im weiteren Verlauf des Programms beibehalten, selbst in einem eigentlich überaus vokalen Werk wie David Pohles „Vox Domini super aquas“: Der Posaunist hat hier „alle Hände voll“ zu tun, den originalen Basssolisten auch in den extrem „sprechenden“ Passagen adäquat zu ersetzen.
Einer der Höhepunkte des Programms ist das Concerto „Aus der Tieffen“, komponiert vom Schütz-Schüler Christoph Bernhard: Schon die Eröffnungspassage, die den Aspekt des Aus-der-Tiefe-Rufens unmissverständlich musikalisch versinnbildlicht, lässt aufhorchen; Alice Foccroulle meistert diesen und die anderen von ihr gestalteten Gesänge mit einem in der Tiefe und Mittellage gelegentlich etwas matten, bei Bedarf dann aber doch stets recht durchschlagskräftigen Timbre. Das entscheidende Zusammenspiel zwischen Text und Melos gelingt ihr erstklassig und souverän.

Michael Wersin, 17.12.2016



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