Die schwedische Mezzosopranistin Ann Hallenberg kennt dieses Repertoire fast wie ihre Westentasche. Die Barockspezialistin ist immer wieder auch selbst in die Rollen geschlüpft, in denen der legendäre Kastrat Carlo Broschi alias Farinelli sein Publikum um den Verstand gesungen haben muss. So stand Hallenberg etwa 2014 im Mittelpunkt der Oper „Adriano in Siria“ von Francesco Maria Veracini. Drei Jahre zuvor hatte sich Hallenberg im norwegischen Bergen mit Christophe Rousset und seinen Talens Lyriques für eine musikalische Farinelli-Hommage zusammengetan. Auch Rousset kennt Farinelli natürlich schon lange. So war er es, der 1994 den Soundtrack für den erstaunlichen Kinoschlager „Farinelli“ eingespielt hatte. Auf dem Programm standen nun in Bergen, bei dem live mitgeschnittenen Konzert, Arien von Farinellis Lehrer Porpora (u.a. aus „Polifemo“), seinem Bruder Riccardo (u.a. aus „Artasare“) sowie von Händel (u.a. aus „Alcina“ und „Rinaldo“). Und auch Ausschnitte aus einer Alternativfassung des damals beliebten Opernstoffs „Adriano in Siria“ gibt es zu hören – aus der Feder von Geminiano Giacomelli.
Bekanntes und Entdeckenswertes wechseln sich also im Laufe dieses Porträts ab, bei dem die Protagonisten alles richtig machen. Hallenbergs Koloraturenkunst sitzt perfekt. Ihre künstlerische Körper- und Seelentemperatur bleibt angenehm. Und wenn sie schon von der wohl sitzenden Mittellage hinauf schrauben muss, feuert sie die Spitzentöne punktgenau ab. Ähnlich tadellos und versiert gehen Roussets Talens Lyriques zu Werke. Trotzdem fehlt ihnen dabei ein wenig das Pyrotechnische, nach dem diese Musik eben immer auch verlangt. In kultivierter Schönheit haben sich somit Hallenberg & Co. zwar vor Farinelli verbeugt – aber das „Wunder“ Farinelli bekommt man dabei letztlich nicht ganz zu fassen.

Guido Fischer, 07.01.2017



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