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Giaches de Wert

Divine Theatre (Geistliche Motetten)

stile antico

harmonia mundi HMM 807620
(67 Min., 3 & 4/2016) SACD

Die Zeiten, in denen Giaches de Wert nur eine Fußnote in der Biografie Claudio Monteverdis war, sind lang vorbei: Mittlerweile wird er als Madrigalkomponist geschätzt und ist diesbezüglich auf dem CD-Markt präsent. Wenig bekannt sind bisher allerdings seine geistlichen Kompositionen. Diese Lücke füllt nun das Ensemble stile antico mit einem ausschließlich sakralen De-Wert-Programm. Fünf- bis achtstimmig sind die vorgestellten Werke, und die vertonten überwiegend biblischen Texte decken ein breites Spektrum ab von den alttestamentlichen Prophetenbüchern über die Evangelien bis zu den neutestamentlichen Briefen. Freilich steht de Wert noch nicht dasselbe musikalisch-rhetorische „Besteck“ zur Verfügung wie wenig später etwa einem Heinrich Schütz – ein direkter Vergleich der „Saul, warum verfolgst du mich?“-Motetten der beiden Meister zeigt das: De Wert ist naturgemäß noch mehr verhaftet in der „prima pratica“, der streng geregelten polyphonen Setzweise. Aber es ist bewundernswert, wie weiträumig er die Grenzen auszukundschaften versteht, die dieser Stil bietet; es lohnt sich, die Motetten mit dem Text in der Hand sehr konzentriert anzuhören, um besonders die geniale Klangregie der Stücke vor dem Hintergrund der Textaussage zu erleben.
Das professionelle Ensemble „stile antico“ ermöglich das profunde Kennenlernen dieser Musik durch die niveauvolle, gerade auch der Sprache gegenüber sehr sensible Wiedergabe. In puncto Homogenität und Klarheit erreichen die Sängerinnen und Sänger vielleicht nicht immer das absolute Höchstmaß dessen, was heute in dieser Vokalmusik-Sparte möglich ist, aber die Darbietung atmet den Geist einer profunden Auseinandersetzung mit den Partituren, die scheinbar zu demokratisch entworfenen Interpretationen führt: Die jungen Sänger arbeiten ohne Dirigenten. Alles in allem eine CD, die das Spektrum des verfügbaren Spätrenaissance-Repertoires gewinnbringend erweitert.

Michael Wersin, 28.01.2017



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