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Heinrich Schütz, Michael Altenburg, Thomas Selle, Michael Praetorius, Christoph Bernhard u.a.

Ein feste Burg ist unser Gott. Luther und die Musik der Reformation

Vox Luminis, Lionel Meunier, Bart Jacobs

Ricercar/Note 1 RIC 152
(155 Min., 5 & 8/2016) 2 CDs

Martin Luthers Wirken war segensreich für die Entwicklung des geistlichen Musikrepertoires in Deutschland: Seine eigene Liebe zur Musik und seine Überzeugung, Musik sei „ein göttlich Geschenk und Gabe“, haben dazu geführt, dass sich die protestantischen Komponisten von Anfang an nach Kräften um die kunstvolle Bearbeitung der neuen deutschen Texte und Choral-Cantus-firmi bemüht haben. Dass Bach ein Gipfelpunkt dieser Entwicklung war, wissen wir schon lange; die Mengen großartigster deutschsprachiger Kirchenmusik aber, die in der Zeit vor Bach geschaffen wurden, harren in ihrer ganzen Fülle immer noch der Wiederentdeckung. Freilich ist manches davon schon vor langer Zeit in die einschlägigen Chorbücher gelangt – aber eben bei weitem nicht alles, ja nicht einmal ein repräsentativer Teil.
Das liegt u.a. daran, dass für den kirchenchörlichen Gebrauch immer wieder nur das vierstimmige Repertoire aufbereitet wird, aber es gibt auch im protestantischen Repertoire eine Menge fünf- und sechsstimmiger oder auch mehrchöriger Musik. Man höre auf dieser CD etwa Michael Altenburgs sechsstimmige Bearbeitung von „Nun komm, der Heiden Heiland“, Andreas Hammerschmidts sechsstimmiges „Freude, Freude, große Freude“ oder Thomas Selles dreichöriges „Veni Sancte Spiritus“: Wahre Feuerwerke polyphon strukturierter Klangpracht bei großer rhetorischer Nähe zu Luthers Bibeldeutsch entzünden sich in diesen fantastischen Motetten.
Außerdem ist auch bei weitem noch immer nicht gewährleistet, dass Altbekanntes im Normalgebrauch des kirchenmusikalischen Alltags substanziell immer seinen Möglichkeiten nach ausgeschöpft wird: Praetorius‘ „Es ist ein Ros entsprungen“ hören wir in dieser Box als Tenorlied mit Orgelbegleitung, dann als Orgel-Solo mit einer unglaublich kreativ diminuierten Cantus-Stimme und dann noch – wie gewohnt – als vierstimmigen Vokalsatz. Aber Lionel Meunier versteht sein Ensemble „Vox Luminis“ freilich immer so vorzüglich mit einerseits uneingeschränkt ensemblefähigen, andererseits aber auch je für sich ungemein wohltimbrierten Sängerinnen und Sängern zu besetzen, dass aus diesen erlesenen Kehlen jedes noch so simple Stück eine Offenbarung ist. Hinzu kommt Bart Jacobs‘ glanzvolles Orgelspiel auf zwei nicht historischen, aber nach historischen Maßgaben gebauten Orgeln – eine einzige Freude. Und dazu ist diese Doppel-CD wieder einmal als Buch mit höchst informativen Texten und schönen Fotos ausgestattet – mehr kann man zum Lutherjahr nicht wünschen.

Michael Wersin, 04.02.2017



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