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Claude Debussy, Toshio Hosokawa

Point and Line (Etüden)

Momo Kodama

ECM/Universal 4814738
(79 Min., 1/2016)

Als Claude Debussy 1899 bei der Pariser Weltausstellung erstmals auch japanische Musik kennengelernt hatte, war es um ihn geschehen. In sein Sehnsuchtsland sollte er zwar nie aufbrechen. Seine enge Verbundenheit mit Japan unterstrich er aber nicht zuletzt mit dem Titelblatt zum Orchesterstück „La mer“, für das er Katsushika Hokusais Holzschnitt „Die große Welle vor Kanagawa“ auswählte. Doch auch umgekehrt sollte Debussy für viele japanische Komponisten zum Idol werden. Immerhin entdeckten sie in seiner Musik diese ungemein facettenreiche Zartheit, mit der man auf ganz anderen tonmalerischen Wegen der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen versuchte. Im Kontrast zu der abendländischen Musiktradition besitzt nämlich in der japanischen Musik bereits jeder einzelne singuläre Ton erzählerische Dimensionen, Schönheiten und Tiefen. Um auch herrlich ausufernde Farblinien sowie bisweilen unter Hochspannung gesetzte Klangtupfer geht es nun bei dem von der japanischen Pianistin Momo Kodama eingespielten Klangdialog. So streut sie in die „Douze études“, die Debussy 1915 komponierte, sechs Klavieretüden aus der Feder Toshio Hosokawas ein.
Zwischen 2011 und 2013 hat der 1955 in Hiroshima geborene Schüler von Isang Yun und Klaus Huber dieses halbe Dutzend geschrieben und es zur Hälfte auch Momo Kodama gewidmet. Warum aber Hosokawas ebenfalls für die zeitgenössische japanische Musik so bedeutender Kollege Tōru Takemitsu als „japanischer Debussy“ bezeichnet wurde und nicht er, wird sogleich in der Etüde „Point and Line“ deutlich. Denn das pointilistische Klangbild gibt sich nicht etwa neo-impressionistisch, sondern kommt mit seinen auch gezackt hingeworfenen Ton- und Akkordgebilden eher abstrakt expressionistisch daher. Mit sieben Minuten Spieldauer ist diese 2. Etüde zugleich die längste. Auf zwei Minuten kommt hingegen die mit „Calligraphy, Haiku“ bezeichnete Nr. 3. Und auch hier erinnert eine elementare Wucht im scheinbar Asketischen etwa an die American School eines Henry Cowell. Bei aller Gegensätzlichkeit, die sich im Einzelnen auftut (nur Hosokawas glitzernde und trillergesättigte Etüde Nr. 1 würde man im Blindtest glatt Debussy zuschlagen), gelingt Momo Kodama trotzdem ein faszinierendes imaginäres Gespräch zwischen den beiden Komponisten. Schließlich besitzt ihr brillantes, aber eben nie vordergründig virtuoses Spiel genau diese Palette aus Eleganz, Luftigkeit, Farbverliebtheit und Sinnlichkeit, die die Klaviermusik von Debussy und Hosokawa unbedingt braucht.

Guido Fischer, 11.02.2017



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