AIDS macht sich vielleicht nicht so gut auf dem Cover einer Operngala-DVD; jedenfalls muss man erst das Beiheft studieren, um zu erfahren, dass es sich bei der vorliegenden "Berlin Opera Night" tatsächlich um die "10. Operngala der Deutschen AIDS-Stiftung" handelt, aufgezeichnet im November 2003 in der Deutschen Oper. Restlos herausgeschnitten hat man auch den Moderator Loriot und einen Teil der Solisten bzw. Stücke - vollständig zu hören ist all dies nur auf einer Doppel-CD des Labels BMG. Auf dieser sieht man dafür nicht die aufmarschierten Promis im Publikum, die höchst verschiedenartige und nicht immer ganz geschmackvolle Garderobe der Sängerinnen und das Delphin-Tattoo auf der nackten Schulter der diensthabenden Harfenistin.
Der Abend beginnt mit einer steril und inkongruent gespielten Réjouissance aus Händels Feuerwerksmusik. Danach bieten Opernstars von heute (und gestern) einen weitgehend medioker vorgetragenen Mix aus bekannten Bravourstückchen; zu den Höhepunkten gehört René Papes "Registerarie" (Don Giovanni), und auch Angelika Kirchschlager macht sich ganz gut mit den beiden Cherubino-Arien (Le nozze di Figaro). Aber danach geht es fast nur noch abwärts: Adrianne Pieczonka, ein wahrer Fels in der Brandung, reüssiert noch einigermaßen mit dem "Lied an den Mond" (Rusalka); die hier schon wahrnehmbaren Intonationsprobleme verschärfen sich bei ihrem zweiten Auftritt im Rosenkavalier-Trio "Hab mir’s gelobt". Altstar Grace Bumbry demonstriert an Hand von "Mon coeur s’ouvre à ta voix" (Samson et Dalila), welche tiefen Spuren ihre belastende Karriere mit Ausflügen ins Sopran-Fach an ihrem ehemals formidablen Material hinterlassen hat, und Vladimir Galouzine ("Vesti la giubba", I Pagliacci) traktiert sein baritonal gedunkeltes Tenormaterial, als wolle er es schon vor der Zeit ruinieren ... Das Schlussensemble "Brüderlein und Schwesterlein" aus Strauß' Fledermaus (hier treten plötzlich, im Beiheft unerwähnt, auch die Sänger hinzu, deren Solonummern aus dem Programm herausgeschnitten wurden) erweist sich in vieler Hinsicht als interpretatorisches Gruselkabinett. Vielleicht können ja auch Weltstars im Rahmen eines solchen Künstler-Auftriebs einfach keine Bestleistungen erbringen... aber das Ganze diente ja einem guten Zweck (der auf dem Cover verschwiegen wird).

Guido Fischer, 04.12.2004



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