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Franz Liszt, Ludwig van Beethoven

Klavierkonzert Nr. 2 A-Dur, Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur

Katia Buniatishvili, Israel Philharmonic Orchestra, Zubin Mehta

Sony 88985369669
(57 Min., 4 & 6/2015)

Katia Buniathishvili ist ein Gesamtkunstwerk, und sie weiß das natürlich auch: Wenn sie sich mit ihrer pianistischen Hochvirtuosität auf der Bühne präsentiert, dann ist sie immer gleichzeitig auch als hocherotisches Kraftpaket mit einer bemerkenswerten Portion extravertierter Selbstdarstellungskunst am Werk. Während der Orchesterexposition im ersten Satz des Beethoven-Klavierkonzerts schaut sie aufmunternd zu den einzelnen Instrumentengruppen des „Israel Philharmonic“, natürlich immer genau zu derjenigen, die sich eine Sekunde später hörbar exponieren wird. Wenn sie beim Liszt-Klavierkonzert eine virtuose Kaskade mit der linken Hand beendet, taucht sie mit dem Kopf in die Tastatur und stützt sich dabei mit der rechten Hand oberhalb der Tastatur auf dem Holz des Flügels ab. Andernorts blitzt sie mit ihren Augen triumphal in Richtung Kamera, als sie eine schwierige Passage zielgenau dem nächsten Orchestertutti zugespielt hat. All das ist hübsch anzusehen, bisweilen verursacht die Choreografie als Subtext zur Musik Erstaunen oder, wenn zu dick aufgetragen, auch ein unwillkürliches Grinsen.
Aber: Ist mit diesem permanent mitlaufenden Sub-Text der Darbietung der Musik geschadet? Nicht unbedingt. Gerade Franz Liszt ist ein Paradebeispiel dafür, dass Selbstdarstellung, die das Publikum in Ekstase versetzt, und echtes Können sich nicht im Wege stehen müssen. Knotenpunkt der äußerlichen und innerlichen Qualitäten einer Performance ist besonders im Repertoire des 19. Jahrhunderts die Virtuosität, die sich als solche durchaus janusköpfig gibt: Einerseits fesselt sie das Publikum ganz unmittelbar, andererseits entdeckte Franz Liszt sie als kompositorisches Mittel zum Erzeugen sinnvoller musikalischer Verläufe auf Basis des Prinzips der entwickelnden Variation dringend nötig in einer Zeit, in der die althergebrachten musikalischen Formen (Sonate, Sinfonie) als Gefäße für neue Musik nicht mehr tragfähig zu sein schienen. Wenn Katia Buniatishvili diese Virtuosität mit solcher Mühelosigkeit wie hier zu sehen inszeniert und sich dabei als Person effektvoll in Szene setzt, dann ist sie von Liszts eigener Selbstdarstellungstechnik des geschickten Verschmelzens von Effekt und Substanz nicht allzu weit entfernt. Inwieweit sie sich damit auch Beethovens Musik auf adäquate Weise nähert, sei dahingestellt. Aber immerhin: Es gibt eine Lesart des Phänomens Beethoven, mit der gerade die Neudeutschen um Franz Liszt ihn für ihre neue Ästhetik okkupiert haben. Aus dieser Perspektive mag man auch Buniatishvilis Beethoven in vollen Zügen genießen.

Michael Wersin, 25.02.2017



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