Dass Wolfgang Katschner ein großartiger Klang-Regisseur ist, wissen wir schon aus vielen früheren CDs – so überrascht es nicht, dass Senfls prächtiges „Geläut zu Speyer“ auf dieser CD akustisch besonders raffiniert in Szene gesetzt wird, das nicht in der Partitur vorgesehene arhythmische Ausläuten der Glocken inbegriffen.
Nicht in den originalen Stimmensätzen vorgesehen sind auch manche anderen Dinge, die wir auf dieser CD hören: Da beginnt etwa Senfls „Liebes Elslein“ mit einer instrumentalen Bassfigur, die wir eher in einem Popsong erwarten würden, und mit dem Einsetzen der Gesangsstimmen setzt sich der Spagat zwischen moderner Rhythmik und alter Liedweise fort, ergänzt durch stark angereicherte Harmonik à la „Take 6“: Hier hat ein Arrangeur kreativ in die alte Substanz eingegriffen.
Die verzahnte Kombination von Altem und Neuem funktioniert auch bei anderen Nummern des Programms hervorragend, und zwei Herren des (eben nicht nur) singend zum Einsatz kommenden Calmus Ensembles erweisen sich einmal mehr als überaus geschickte Bearbeiter. Neben allerhand Experimenten dieser Art hören wir aber auch ganz unverändert belassene Renaissancemusik wie ein „Agnus Dei“ von Josquin aus einer seiner „Homme-armé“-Messen, das aufgrund seiner mikropolyphonen Strukturen schon in naturbelassener Gestalt höchst experimentell anmutet.
Dennoch ist das gekonnte Ineinander heutiger und damaliger Substanz das Hauptmerkmal dieses Programms, und es steht sinnbildhaft für das, was Musik epochenübergreifend zu verbinden vermag: Jahrhunderte werden spielend, wortwörtlich im Spielen überbrückt. Damit ist aber ein Hauptmerkmal der Musikästhetik Martin Luthers angesprochen: Auch er hat das, was gut war und in seine revolutionierte Lehre integriert werden konnte, übernommen und hat die Komponisten seiner Zeit ermuntert, mit dem seinerzeit teils schon uralten Material weiter zu experimentieren. Was damals ging, geht auch heute noch – der schlagende Beweis ist diese CD.

Michael Wersin, 25.02.2017



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