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Calling Europe!

Stephan-Max Wirth Experience

BosRec/Jaro 237-16
(53 Min., 4/2016)

Seine bisherigen Aufnahmen, die u.a. ein beim Berliner JazzFest uraufgeführtes Dada-Gesamtkunstwerk mit Tanz, Film und Jazz oder eine Hommage an Alice Coltrane umfassen, zeigen: Der Berliner Saxofonist Stephan-Max Wirth ist in vielen Dimensionen daheim. Nun aber besinnt sich Wirth mit seinen holländischen Begleitern Jaap Berends an den Saiteninstrumenten, Bub Boelens am Bass und Florian Hoefnagels an den Drums auf die drängenden Fragen des Hier und Jetzt.
„Calling Europe!“ nimmt in den Stücktiteln Stellung zu den Entwicklungen in Europa in den vergangenen Monaten, bezieht sich etwa auf den Terroranschlag in Paris vom November 2015 („Winter In Paris“), mahnt zur Einigkeit („One World“) oder zum genauen Hinschauen („Zoom“). Dabei entwerfen Wirth und die Seinen das Gegenteil einer eurozentristischen Weltsicht: In den Kompositionen kommen Steel-Gitarren und Banjos zum Einsatz, die an das ebenfalls so zerrissene Amerika denken lassen, und immer wieder mischen sich afrikanische Wendungen in die Melodien und Begleitungen. Da klingt dann Wirth auf dem Sopransaxofon am Ende des an Miles Davis' „Wrinkle“ erinnernden „Zoom“ wie ein heiser krächzender Derwisch, da wähnt man sich bei den Higlife-Gitarrenakkorden zu Beginn von „Calling Europe!“ irgendwo in Westafrika.
Doch man sollte sich von der optimistischen Grundstimmung, die die im Bandnamen auf Jimi Hendrix verweisende „Stephan-Max Wirth Experience“ verbreitet, nicht blenden lassen: Trotz funkiger Freundlichkeit und gelegentlicher Krautrock-Nähe ist auf dem Album eine große Verletzlichkeit und Unsicherheit zu spüren, die die Saxofone des Bandleaders wiederholt zu kehligen Verzweiflungsschreien animieren. Selbst bei der Abschlussballade „Little Wonders“, in der Berends‘ Steelgitarre wie eine Menschenstimme summt, weiß man nicht: Ist es Weinen oder Trost? Wir werden wohl mehr als ein kleines Wunder brauchen, um das europäische Herz zu heilen. Stephan-Max Wirth macht einen Anfang.

Josef Engels, 04.03.2017



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