Responsive image

Sooner and Later

Julia Hülsmann

ECM/Universal 5723858
(50 Min., 9/2016)

Wäre da nicht die uncharmante und in diesem Fall unangebrachte Konnotation eines gewissen Alters, müsste man die Pianistin und Komponistin Julia Hülsmann als Grande Dame des Jazzklaviers in Deutschland bezeichnen. Sie hat zahlreiche internationale Preise und Stipendien gewonnen, als Vorsitzende der Union Deutscher Jazzmusiker hat sie in den Fußstapfen von Albert Mangelsdorff dem Jazz wichtige Förderung erstritten. Von ihren Projekten, die immer wieder auch das literarische Wort einbeziehen, sind nachhaltige Impulse ausgegangen, und die Musik, die sie mit ihrem Trio spielt, hat Kritiker immer wieder zu Höhenflügen der Rezensionsprosa beflügelt. Von Reduktion, der Kunst der Zurückhaltung, von Transparenz und Lakonik, vom Zuhören als Kommunikation und dann wieder von Melancholie ist da die Rede. All diese Komponenten finden sich auf Hülsmanns neuester Einspielung mit ihren jahrzehntelangen Triopartnern, dem Kontrabassisten Marc Muellbauer und dem Schlagzeuger Heinrich Köbberling, von denen jeder eine Komposition beigesteuert hat. Die fünf Stücke von Hülsmann haben einen engen Bezug zu Reiseerinnerungen an Zentralasien, ein Track geht direkt auf eine kirgisische Geigerin zurück, und mit einem Radiohead-Song macht das Trio auf dieser Produktion ein Statement mit der bewussten Betonung der rhythmisch prägnanten Seite seiner Musik. Das Programm führt von mäandrierend offenem Pulsieren bis zu den angesprochenen zupackend tänzelnden Rhythmuszellen, die mit immer neuer Energie aufgeladen mittels delikater Motivreihung in die musikalische Umlaufbahn geschleudert werden, deren Zentrum die von der Aufnahmetechnik perfekt abgebildete Schönheit der akustisch erzeugten Klänge ist. Fern jeglicher Innerlichkeitsduselei erblühen hinreißende Sounds und Tonfolgen in einem magischen Spannungsfeld von schlichter Nüchternheit und trunkenem Schwärmen.

Thomas Fitterling, 18.03.2017



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Jeder Künstler braucht eine Muse. Wer weiß, ob Richard Wagner „Tristan und Isolde“ geschrieben hätte, wenn er nicht 1852 in Zürich seine Seelenfreundin Mathilde Wesendonck kennen gelernt hätte. Was da genau gelaufen ist, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Der intime Ton eines Briefes Richard Wagners an Mathilde reichte in jedem Fall aus, um seine erste Frau Minna (die das Schreiben abfing) zu alarmieren. Es folgten ein unschöner Eklat und das Ehe-Aus der Wagners. Mathilde aber war nicht […] mehr »


Top