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Schizophrenia

Laurent Coulondre Trio

O-Tone/Edel 1043213OTO
(45 Min.)

Ein gewisses Grad an Persönlichkeitsspaltung kann nicht schaden, wenn man Jazz-Organist ist und gleichzeitig Bass, Melodien und Harmonien spielen muss. Kommt dann noch der übersprunghafte Griff zum Klavier hinzu wie beim Franzosen Laurent Coulondre, dann scheint der Albumtitel „Schizophrenia“ geradezu zwangsläufig.
Der 27-Jährige zeigt auf dem dritten Album seines Trios mit dem Bassisten Rémi Bouyssière und dem Schlagzeuger Martin Wangermée, warum er in seiner Heimat bei den „Victoires du Jazz“ in der „Rising Star“-Kategorie ausgezeichnet wurde: Weil er schlichtweg irre ist. Seine Stücke rasen so flink und unberechenbar dahin wie eine Fliege auf dem Fensterglas, überraschendes Innehalten wechselt sich ab mit hektischer Betriebsamkeit. Da drehen sich Walzer in atemberaubenden Pirouetten ins Leere („Palma's Waltz“), werden Latinjazz und Habaneras mit einem Schlangenbeschwörungstanz der Orgel zusammengebracht („Parallel Spaces“), treffen New-Orleans-Erdenschwere und „Freedom Jazz Dance“-Anwandlungen auf ultraschnellen Swing und HipHop („Fun Keys“).
Besonders interessant ist es, wie Coulondre seine gespaltene pianistische Persönlichkeit fürs Trio nutzbar macht: Oftmals übernimmt er die tieftönenden Passagen und spielt sogar ein Solo à la Jaco Pastorius auf dem Klavier („Schizophrenia“), während Rémi Bouyssière seinen Bass artfremd einsetzt – mal wie eine Rhythmusgitarre, mal, dank Midi-Technik, wie einen von Lyle Mays gespielten Synthesizer („Sunny Road Trip“).
Wenn es Coulondre jetzt noch gelingt, seinen Überschuss an Virtuosität und Ideenreichtum etwas benutzerfreundlicher zu kanalisieren, wird die Jazzwelt noch viel Freude an dem verrückten Wunderkind haben.

Josef Engels, 25.03.2017



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