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Franz Schubert, Robert Holl

Ein Leben für das Lied

Robert Holl, Rudolf Jansen, David Lutz, Oleg Maisenberg, Midori Ortner

Preiser/Naxos PR90832
(143 Min.) 2 CDs

Ein großes Schubert-Lied wie der bis heute wenig bekannte „Winterabend“ nach einem Text von Karl Gottfried von Leitner, fast zehn Minuten lang, fordert, soll es adäquat seine Wirkung entfalten, einen großen Sänger: Die weiten Melodiebögen wollen unaufgeregt ausgespannt sein, außergewöhnliche Mezza-voce-Qualitäten der Stimme sind für die vielen zarten Wendungen in der oberen Lage gefragt. Der niederländische Bassbariton Robert Holl, der in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag begeht, war stets in der Lage all diese speziellen Anforderungen für den Liedgesang zu erfüllen. Zu welch eindrucksvollen, zeitlos bezaubernden Ergebnissen dies führte, hören wir auf der ersten CD dieser Doppelbox, die ganz dem Liedschaffen Schuberts gewidmet ist. Diese CD, zusammengestellt aus den Archiven des Labels Preiser, ist gleichzeitig eine kleine Reise durch unbekannteres Schubert-Terrain: „Auf der Donau“ nach Johann Mayrhofer, „An den Mond in einer Herbstnacht“ nach Aloys Schreiber und manches mehr sind wundervolle Gesänge, die in den seltener frequentierten Bändern der Peters-Edition schlummern. In Robert Holl finden sie einen engagierten Anwalt, denn sein Leben ist dem Liedgesang gewidmet.
Hiervon kündet noch auf ganz andere Art auch die zweite CD dieser Box: Sie präsentiert Holl als Liedkomponisten und Interpret seiner eigenen Schöpfungen. Ein Zyklus namens „Frühlingsreise ohne Sonne“ nach Texten verschiedener Dichter, drei Nachtgesänge auf Texten von Georg Trakl sowie „Lieder aus der Wachau“: Letztere sind, wie Holl schreibt, Wirtshaus-Repertoire, das er mit anspruchsvollen Klavierbegleitungen versehen, ja geradezu kontrapunktiert hat. Verfuhr er hier, den Vorlagen entsprechend, ganz tonal, so erprobte er in den anderen Gesängen eine deutlich dissonantere Tonsprache und bewies ein umfassendes Gespür für die expressiven Möglichkeiten des Klaviersatzes. Immer wieder erreichen Holls Kompositionen eine bemerkenswerte Dichte der Klanglichkeit und damit auch des Ausdrucks. Als Sänger kannten wir ihn, als Komponist noch nicht — eine ganz neue Dimension tut sich auf.

Michael Wersin, 01.04.2017



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