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Silent Light

Dominic Miller

ECM/Universal 5728484
(3/201) 41 CDs

Ist Manfred Eicher womöglich insgeheim ein Fan von Sting? Die Frage ist durchaus berechtigt, schließlich nimmt die deutsche Produzentenlegende nach Manu Katché nun dem nächsten langjährigen Mitarbeiter des englischen Popstars in den ECM-Katalog auf. Anders als der Schlagzeuger Katché, mit seinem elastisch schwingenden Neo-Hardbop, lässt der Gitarrist Dominic Miller auf seinem Debüt für Eichers Label jedoch nicht großartig den Jazzer heraushängen.
Soli im strengeren Sinne gibt es nicht, dafür aber viele perlend aus dem Griffbrett der akustischen Gitarre herausgekitzelte Verweise auf ECM-Kollegen, die den in Argentinien geborenen Miller beeinflusst haben: Etwa Egberto Gismonti, dessen brasilianischer Touch auf „Silent Light“ — auch dank des pointiert eingesetzten Perkussionisten Miles Bould —allenthalben zu spüren ist. Oder Pat Metheny, vor dessen Americana-Affinität sich Miller unter anderem im Stück „Angel“ konzentriert verbeugt.
Überhaupt wimmelt es auf „Silent Light“ nur so von Verweisen auf bekannte oder hierzulande eher weniger bekannte Größen der klassischen Gitarrenkunst Südamerikas. Baden Powell etwa wird im gleichnamigen „Baden“ gehuldigt, unterlegt von einem Samba-Groove auf der Udu, der an Stings „Fragile“ erinnert. Dem venezolanischen Komponisten Antonio Lauro wiederum ist „Urban Waltz“ gewidmet.
Aber eigentlich spielt es keine Rolle, ob die Kompositionen von Millers Arbeitgeber und Freund Sting stammen (etwa das etüdenhaft gesetzte „Fields of Gold“) oder auf die brasilianische Fusion-Band Azymuth verweisen („Chaos Theory“, das einzige mit zusätzlichen Gitarren- und E-Bass-Overdubs arbeitende Stück auf der Aufnahme): „Silent Light“ ist vielmehr ein rein auf die Atmosphäre angelegtes Album.
Es wirkt so, als würde man einem sich unbeobachtet fühlenden Gitarristen heimlich beim arpeggierenden Fantasieren zuhören. Diese Intimität und Bescheidenheit, die „Silent Light“ ungeachtet der meisterhaften Saitenbeherrschung seines Schöpfers an den Tag legt, ist der große Trumpf der Einspielung und tröstet über den gelegentlichen Leerlauf der unermüdlichen Finger hinweg.

Josef Engels, 08.04.2017



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