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Erkki-Sven Tüür

Peregrinus Ecstaticus, Le poids des vies non vécues, Noēsis

Hannu Lintu, Finnisches Radio-Sinfonie-Orchester, Christoffer Sundqvist, Pekka Kuusisto

Ondine/Naxos ODE 12872
(58 Min., 4 & 5/2015, 8/2016)

Im Laufe seines inzwischen auch schon 30-jährigen Komponistenlebens hat der aus Estland stammende Erkki-Sven Tüür immer wieder versucht, einen Schritt weiter bzw. in eine andere Richtung zu gehen. Und dank dieser Neugier und Offenheit fürs Unbekannte im eigenen Schaffensbereich ist bislang ein beachtlicher Werkkatalog entstanden, der ein stattliches Spektrum aufweist. Mag Tüür sich und sein Klangdenken anhand einer von ihm entwickelten neuen Kompositionsmethode selbst dezent immer wieder neu befragen, so besitzen gerade seine Instrumentalwerke stets einen exklusiven, in Tüürs Kompositionen so noch nicht angedeuteten oder ausformulierten Kern. Und weil Tüürs Musik sich in einem ständigen Wandlungsprozess befindet, spiegeln denn auch die drei jetzt neu aufgenommenen Stücke den faszinierenden Reichtum einer zeitgenössischen Musik wider, bei der Raffinement, Tiefe und Sinnlichkeit sich in einem ständigen Wechselspiel befinden. Neun Jahre liegen zwischen dem ältesten hier eingespielten Werk (dem Doppelkonzert „Noēsis” für Violine und Orchester von 2005) und dem jüngsten (dem Orchesterstück „Le poids des vies non vécues“ von 2014). Und vielleicht könnte man als einziges verbindendes Band auch mit dem Klarinettenkonzert „Peregrinus Ecstaticus“ (2012) eine Nähe zu den fluoreszierenden, sich vegetativ ausbreitenden Klangorganismen etwa eines Olivier Messiaen ausmachen. Andererseits kommt Tüür sehr gut ohne solche Leitsterne der Moderne aus. Seine Musik besitzt zwar eine ungemeine Anziehungskraft, die sich aus vertrauten Klangmodellen zu speisen scheint. Trotzdem zieht sie einen nicht einfach in den Bann, sondern erfordert höchste Aufmerksamkeit. Sei es nun das auch geheimnisvoll mit Echo-Klängen spielende Klarinettenkonzert, das auch mal wuchtige Orchesterstück „Le poids des vies non vécues“ oder das im Gespenster- und Koboldhaften kulminierende Doppelkonzert „Noēsis”. Dass jedes dieser Stücke einen sofort packt, liegt aber nicht zuletzt mit am großartigen, in allen Belangen engagiert zupackenden finnischen Musikerstab um Dirigent Hannu Lintu.

Guido Fischer, 22.04.2017



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