Wieder eine Produktion, die das aufregend Neue der frühbarocken Musik auf möglichst vielen Ebenen zum Erlebnis machen will: Wir hören die Musik von bisher kaum einem breiteren Publikum bekannten Komponisten wie Domenico Zanatta oder Giovanni Battista Fontana. Wir erleben, wie sich der Gesang aus den Fesseln einer vormals streng geregelten vokalpolyphonen Mehrstimmigkeit befreit hat zu einem sprach- und ausdrucksorientierten „stile recitativo“, der sich bald in tatsächlich rezitativischen und mehr ariosen Gesang aufsplittet. Das Lamento als neue Gattung, zunächst in Opern auftretend, ist eine der Stationen auf dem Weg zur späteren hochbarocken Arie. Wir erfahren hörend, wie wichtig zur Begleitung der neuen Monodien eine stark besetzte Continuogruppe war, die die harmonische Basis repräsentiert: Nicht nur Cembalo und bzw. oder Orgel, sondern Theorbe, Harfe und sogar das Psalterium konnten hier beteiligt sein, freilich nicht immer alle gleichzeitig. Und wir lernen neue Facetten einer jungen Instrumentalmusik kennen, die in ihrer affekthaften Expressivität zwar ursprünglich vom Vokalen her gedacht ist, sich aber schnell unter Besinnung auf die eigenen Möglichkeiten und Qualitäten der Instrumente zu faszinierender Eigenständigkeit emanzipiert.
Und so führen uns Daniela Dolci und ihre durchweg kompetenten Mitstreiter durch ein Repertoire, das auch für unsere Ohren immer noch aufregend neu ist – einerseits, weil wir es erst seit noch nicht allzu langer Zeit wirklich unter historischen Maßstäben erforscht und umgesetzt erleben können, und andererseits, weil „Barock“ für uns immer noch eher „Hochbarock“ (Bach, Händel und ihre direkten Vorfahren) bedeutet. Die Wurzeln des neuen Stils sind uns immer noch nicht in ihrer vollen Reichhaltigkeit präsent. Die vorliegende CD ist ein weiterer wichtiger Beitrag zum Füllen dieser Lücke.

Michael Wersin, 22.04.2017



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