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Heinrich Schütz

Becker-Psalter

Dredner Kammerchor, Christoph Rademann

Carus/Note 1 CAR83276
(73 Min., 11/2016)

Die Melodien und Kantionalsätze, die Heinrich Schütz den Psalmparaphrasen des Theologen Cornelius Becker beisteuerte, sind ebenso ein bedeutendes historisches Dokument wie die Texte selbst: Becker war ein glühender Lutheraner und damit ein Feind des Calvinismus; es schmerzte ihn, dass mit den Genfer-Psalter-Übersetzungen Ambrosius Lobwassers die calvinistische Lehre sich über das Liedgut in den deutschen protestantischen Gottesdienst einschlich. Daher fertigte er eigene Liedversionen fast aller 150 Psalmen an, die er gemäß Luthers Lehre christologisch-exegetisch anreicherte und sich damit, anders als Calvins Psalmliedtexte, nicht am Ideal der „Vérité hébraїque“, der strengen Quellentreue, orientierten.
Innerhalb dieses Becker-Psalters blieben Luthers eigene Psalmparaphrasen unangetastet, ebenso dessen eigene Liedmelodien. Hinzu kamen etwa vierzig Melodien des Thomaskantors Seth Calvisius. Die Melodien zu den anderen Psalmliedtexten schuf Heinrich Schütz, und er komponierte auch vierstimmige Kantionalsätze für die komplette Sammlung, die schon zu seinen Lebzeiten ein großer Erfolg war und mehrfach neu aufgelegt wurde.
Die Präsentation des Becker-Psalters innerhalb der Schütz-Gesamtaufnahme dürfte indes als Herausforderung gegolten haben: Eine Einspielung von 150 Kantionalsätzen mit je zahlreichen Strophen wäre ein monumentales Dokument, aber wohl kein Verkaufsschlager geworden. Daher entschied man sich bei Carus für eine Auswahl von 20 Psalmliedern. Diese werden auf der vorliegenden CD zudem möglichst abwechslungsreich präsentiert: vokal nur mit Continuo-Begleitung oder auch mit colla-parte spielenden Instrumenten; ferner auch in gemischt vokal-instrumentaler Darbietungsweise, wobei etwa eine Stimme des Satzes (nicht zwangsläufig die im Sopran liegende Melodie) gesungen, der Rest gespielt wird. Sonderfall ist Luthers Lied „Aus tiefer Not“: Hier erklingt die Melodie mit dem Text der ersten Strophe sogar einstimmig.
Auf diese Weise offenbaren die Kantionalsätze von Schütz auf unterschiedliche Weise auch ihr „Innenleben“ bzw. die kunstvolle Faktur der einzelnen Stimmen. Diese Aufführungspraxis entspricht auch der zeitgenössischen Sichtweise, die auch einen scheinbar homophonen Liedsatz als ein Gefüge zumindest streckenweise (besonders in den Kadenzen) selbständiger horizontaler Verläufe betrachtete. Als kleine Einschränkung sei erwähnt, dass nicht alle von Rademann ausgewählten Solostimmen hundertprozentig für diese Aufgabe geeignet scheinen: Mal hapert es ein wenig an der Intonation, mal an Textpräsenz. Aber grundsätzlich sei dieser farbenreichen Umsetzung der Becker-Psalter-Sätze Lob ausgesprochen.

Michael Wersin, 06.05.2017



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