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Frédéric Chopin

A Chopin Diary (Sämtliche Nocturnes u.a.)

Claire Huangci, Tristan Cornut

Berlin Classics/Edel 0300905BC
(117 Min., 8/2016) 2 CDs

Bei aller Popularität, die Chopins Klavierwerke bei den Interpreten und Konsumenten genießen, gibt es doch so manche Werkzyklen, die nur äußerst selten in voller Gänze zu hören sind. Zu ihnen gehören auch die Nocturnes, die mit ihrer mal liebkosenden, mal überaus nostalgietrunkenen und dann wieder zartbitteren Ton- und Stimmungslage auf Dauer etwas einförmig daherkommen können. Was für Geheimnisse und Dramen in diesen Nachtstücken schlummern, haben immerhin Artur Rubinstein und Maurizio Pollini auf völlig unterschiedliche Weise zeigen können. Nun hat sich die amerikanische, in Hannover lebende Pianistin Claire Huangci den insgesamt 22 Nocturnes angenommen. Mit „Ein Chopin-Tagebuch“ hat sie die Gesamteinspielung überschrieben und jedem der Piècen zugleich eine, auch im Booklet nachzulesende Gedichtzeile von französischen Romantikern wie Baudelaire, Gaultier und Verlaine zur Seite gestellt. Solche lyrischen „Übersetzungen“ braucht aber Chopins Musik so gar nicht. Zumal sie diese auch ihrer eigenständigen erzählerischen Kraft entheben. Daher sollte man sich ausschließlich auf das musikalische Ergebnis konzentrieren.
Und das ist mehr als hörenswert! Denn im Gegensatz zu Rubinstein und Pollini feiert Claire Huangci nicht nur nahezu ausschließlich die unendlich vielen Leidenschaftsgrade und -nuancen in dieser Musik. Bei aller konsequent durchgehaltenen Seelenruhe weiß sie genau zwischen Natürlichkeit im Ausdruck und dem gefühligen Schmachten und Leiden zu unterscheiden. Zudem lässt sie zwischendurch die unter der einladenden Oberfläche schlummernden Eruptionen nicht einfach ausbrechen. Bei ihr reichen schon Andeutungen aus, um einem die Rückseite dieser vermeintlichen Salon-Stücke zu verdeutlichen. Das letzte Wort bzw. der letzte Ton dieser Aufnahme gebührt aber nicht etwa dem Nocturne-, sondern dem Etüden-Komponisten Chopin. Zusammen mit Cellist Tristan Cornut hat Claire Huangci ein Arrangement der bekannten cis-Moll-Etüde op. 27 Nr. 7 aufgenommen. Dieses wirkt in seiner allzu herben Auslegung aber leider wie ein Fremdkörper, der so gar nicht zu dem im positiven Sinne Feinfühligen von Claire Huangcis Nocturnes passen will.

Guido Fischer, 13.05.2017



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