Responsive image
Diverse

Stravaganza d´amore! (Die Geburt der Oper am Hof der Medici)

Raphaël Pichon, Pygmalion u.a.

harmonia mundi HMM 902286.87
(10 & 11/2016) 2 CDs

1598 war es bekanntermaßen soweit: In Florenz wurde maßgeblich das Tor zur Oper mit Jacopo Peris „La Dafne“ aufgestoßen. In der toskanischen Metropole, die sich in jener Zeit die Antike zum Vorbild genommen hatte, war der Grundstein für die neue Gattung aber viele Jahre zuvor bereits gelegt worden. Gemeint sind die damals beliebten musikalischen Intermedii, die zwischen den einzelnen Akten einer Schauspielkomödie gegeben wurden und die bald schon zu großen Bühnenspektakeln anwuchsen. Besonders aufwendig wurden diese Intermedien natürlich bei großen festlichen Anlässen herausgeputzt. Wie im Jahr 1589, als die Hochzeit von Großherzog Ferdinando I. und Prinzessin Christina von Lothringen, der Enkelin der französischen Königin Catherine de Médicis (Catarina de’ Medici), anstand. Im Rahmen der Aufführung der Komödie „La Pellegrina“ von Girolamo Bargagli erklangen so Instrumentalstücke und Madrigale, monodische Gesänge und Lamenti, die Komponisten wie Giulio Caccini, Jacopo Peri und Luca Marenzio auf Einladung des musikalischen Zeremonienmeisters Emilio de’ Cavalieri geschrieben hatten. Und wie es sich für die humanistisch gebildete Zeit gehörte, hatten in den Intermedien einige antike Protagonisten wie Orpheus, Apollo und Bacchus ihren Auftritt.
Dieses musikhistorische Kapitel hat nun den französischen Barockexperten und Dirigenten Raphaël Pichon derart begeistert, dass er sich an eine etwas erweiterte Rekonstruktion dieses Spektakels gemacht hat. Unter dem Titel „Stravaganza d´amore!” hat er die Geburt der Oper am Hofe der Medici nachgestellt, wie sie sich zwischen 1589 und 1608 in Florenz zugetragen haben könnte. Ausgewählt hat er dafür natürlich Originalstücke von 1589, wie etwa das große, von Cavalieri komponierte Finale, das zu prachtvollen Chor- und Zink-Klängen in den Wünschen mündet: „Dass der gütige Jupiter günstig sei Euren sehnlichsten Wünschen. Singen wir glücklich das Loblied von Christine und Ferdinand.“ Zudem hat Pichon Werke von Lorenzo Allegri und Alessandro Striggio aufgenommen und damit ein großes italienisches Frühbarockmusik-Panorama geschaffen, das den künstlerischen und geistigen Reichtum jener Epoche in den absolut höchsten und auch von den Sängern herrlich in Szene gesetzten Tönen feiert. Als Sahnehäubchen bekommt man diese begeisternde Opernausgrabung zudem in einem CD-Buch präsentiert, das von seiner luxuriösen Aufmachung her an jenes zum „Le concert royal de la nuit”-Projekt von Pichons Kollege Sébastien Daucé erinnert.

Guido Fischer, 03.06.2017



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top