Johann Sebastian Bach

Matthäus-Passion

Karl Richter


Deutsche Grammophon
(2009-10-14) 3 CDs

Lange waren Karl Richters Bach-Einspielungen eines. Sie waren out. Langsam, zäh, irgendwie nicht richtig, da ja weder auf alten Instrumenten noch in historisierender Diktion musiziert wurden. Und sie waren langsam. Zu langsam. Das Heil Bach'scher Musik lag - und liegt auch heute noch für viele in der Geschwindigkeit. Der Eingangschor dauert fast 10 Minuten. Das kann man doch nicht machen. Was für ein Skandal! Harnoncourt rebellierte, Gardiner kam hinterher und dann gab es kein Halten mehr. Und doch verkauft sich die vorliegende Aufnahme nach 50 Jahren immer noch wunderbar, es gibt eine Richter-Renaissance. Und die Frage ist: warum? Hört man die vorliegende Einspielung einmal weniger vom akademischen Standpunkt aus, sondern vom Gehalt her, so offenbart sich das alles entscheidende Element. Richters Interpretation trifft schlicht den Kern der Sache. Es geht in der Passiongeschichte nach Matthäus um Leid, um Schuld, um Vergebung, um Hass und um Liebe, besonders um diese. Es geht um den Menschen. Und hier setzt Richter an. Richters Aufnahme zeigt uns die Passionsgeschichte wie ein antikes oder auch Shakespeare'sches Drama, als klangliches Theater, was eine oratorische Passion ja auch durchaus sein will. Dabei setzt er auf Klangfarben, auf akustische Bilder, auf Emotionen, ergo auf all jene handwerklichen Mittel, mit denen auch Religionen arbeiten. Da ist der Eingangschor eben kein Tanzsatz, sondern ein großer Klagegesang, die Choräle werden von der Textseite angegangen, so auch die Ariosi, die Rezitative die Arien. Und wie gut, wie überzeugend, wie sinnhaft gelingt Richter und seinen Mitstreitern diese Interpretation. Wie dramatisch singt Ernst Haefliger, was für ein mächtiger und doch menschlicher Christus ist Keith Engen, wie tief leidet Hertha Töpper in den großen Alt-Arien und wie sehr berührt der junge Fischer-Dieskau. Und der Münchner Bach-Chor reiht in seinen verschiedenen dramatischen Funktionen einen Höhepunkt an den nächsten, wobei das von Richter vollkommen entrückt angesetzte "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen" sicher das Schönste ist, was diese Aufnahme bieten kann. Lediglich Irmgard Seefried fällt im Gesamtbild etwas ab. "Das geht meiner Seele nah" heißt es in einem Accompagnato gegen Ende der Passionsvertonung. Und genau das ist es wohl, auf das Richter (und Bach?) hinaus will. Es geht um seelische Reinigung durch das Erleben der Passion, es geht um Katharsis. Es gibt keine Aufnahme, die dem Hörer dieses Erlebnis intensiver ermöglicht.

Wolfgang-Armin Rittmeier, 35 Jahre, Meinersen OT Päse
28.08.2014


Diese CD können Sie kaufen bei:


 

« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Wenn eines der Wesensmerkmale der Wiener Klassik darin liegt - wie Ludwig Finscher einmal scharfsinnig bemerkte - dass hier bedeutende Komponisten in einen anspornenden Dialog miteinander gekommen sind, dann kann man Mozarts "Haydn-Quartette" als die Visitenkarte dieser Epoche bezeichnen. Gab der Salzburger doch im Vorwort zu, sie seien die Frucht einer "langen und mühevollen Arbeit". Zu der zwang ihn der Respekt vor Haydns Quartetten op. 33, doch mühevoll klingt in diesen ausgewogenen Werken gar nichts, die sogar die gelehrte Fugensatzart so selbstverständlich einflechten wie das vielstimmige Zwitschern der Wiener Spatzen ins Frühlingsblau. Haydn zollte wiederum Mozarts Quartetten seine Hochachtung, als er zu dessen Vater nach einer Aufführung anerkennend bemerkte, sein Sohn sei der größte, ihm bekannte Komponist. Das Cuarteto Casals hat sich drei Quartetten dieser Sammlung (KV 387, KV 428, KV 465) angenommen und - wieder einmal - eine mustergültige Einspielung gelandet: Warm und berührend im Klang, ist der Quartettsatz unter ihren Händen plastisch gestaltet bis in die Nebenstimmen hinein. Die Musiker führen den Hörer begeistert durch die Details und Schönheiten der Musik, ohne sie dabei effekthascherisch zum Vehikel einer aufgepfropften Neudeutung zu degradieren. Und die schönste Nachricht: Während die CD mit 88 Minuten randvoll gepackt ist, können Hörer der Streaming-Version im Genuss voll wiederholter Sätze ganze 8 Minuten länger schwelgen.