home

N° 1291
04. - 10.02.2023

nächste Aktualisierung
am 11.02.2023



Startseite · Klang · Musik der Welt

Musik der Welt

Auch starke Frauen haben den Blues.

Davon zeugen Lieder aus Griechenland, Türkei, Portugal und dem Iran.

Die beste Medizin gegen Blues ist der Blues. Ich weiß nicht, von wem ich diesen Satz abschreibe, so selbstverständlich kommt er jedem Barden vom Mississippi-Delta über die Lippen. Betrachten wir Blues einmal nicht als afroamerikanische Musikform, sondern als „Feeling“ (mit all den unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Konnotationen, die der Begriff hat) und musikalische Methode, Trauer in Trost zu verwandeln, dann finden wir ihn überall in der Welt. Alle erdenklichen Fassetten von Blues im übertragenen Sinn – vom resignierten Ohnmachtsseufzer zum resoluten Aufbäumen, von sanfter Melancholie zu bittersüßem Glücksgefühl – hört man in der Anthologie „Deeyah Presents Iranian Woman“ (Heilo/Galileo HCD 7269). 13 persische Sängerinnen aller Generationen, Bekanntheitsgrade und stilistischer Ausrichtungen singen Verszeilen wie „Warum rinnt Blut vom Blumengesteck?“ und „Die ganze Nacht tropft Trübnis von schwarzen Ästen“. Selbst wenn man kein Wort versteht, gehen die Lieder an die Nieren. Man spürt an der Intensität, dass jede von ihnen singen „muss“ und hofft, Gehör zu finden. Wenn man um die Zensur von Musik im Iran weiß, erfährt, dass Sängerinnen seit der Revolution nur vor Frauen auftreten dürfen, viele von ihnen sich erst im Exil künstlerisch entfalten, dann ahnt man, welcher Leidensdruck dahintersteckt.

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Betrachtet man Blues als Liedgut unterprivilegierter Menschen, als Ventil einer Subkultur, dann ist der Rembetiko, der zunächst von aus dem osmanischen Reich vertriebenen Griechen verbreitet wurde, der Blues der Ägäis. 13 Lieder von Nöten und Hoffnungen Entwurzelter und Entrechteter, wie man sie in den 20er und 30er Jahren in den Cafés und Haschischhöhlen Athens, Piräus, Thessalonikis und Istanbuls hören könnte, erklingen in „Mortissa“ (Asphalt Tango/ Indigo 980132), einem Titel, der eine „starke, unabhängige Frau“ bezeichnet. Es ist das ausgezeichnete Debut-Album der aus Istanbul stammenden Çiğdem Aslan der Londoner Szene, die sich hier von einem kleinen, feinen Ensemble türkisch-griechischer Exil-Musikanten begleiten lässt. „Die meisten Songs sind auf Griechisch und ich verstand sie nicht beim ersten Hören. Trotzdem fühlte ich mich gleich der Musik nahe“, erklärt die Sängerin, die als im Ausland lebende Angehörige einer ethnischen Minderheit wohl das richtige Gespür für Rembetiko und Smyrneika mitbringt. „Da sieht man, es gibt keine kulturellen Grenzen in der Musik.“ Rückgrat und Zärtlichkeit stecken in Aslans Stimme, Hoffnung und Humor. Wehklagen ist hier nur eine Seite der Medaille.

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Ein Schlaumeier hat einmal gesagt, für ein erfolgreiches Album müsse man berücksichtigen, dass die Leute immer das Gleiche hören wollen, nur anders. Eine Möglichkeit, dieses Prinzip umzusetzen ist „Best Of Mariza“ (Parlophone/Warner 2564631532), ein untadeliger Querschnitt durch das bisherige Schaffen der Königin des Fado, mit zwei bislang unveröffentlichten Stücken: „É ou não é“ und „O tempo não para“. Ist es redlich, die Fans so zu „zwingen“, alles noch einmal zu erwerben? Sie werden es trotzdem tun.

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Marcus A. Woelfle, 31.05.2014, RONDO Ausgabe 3 / 2014



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Lea Desandre

Schnurrende Kratzbürste

Nicht zu nerdig oder zu nervös: die französische Mezzosopranistin freut sich über ihr erstes […]
zum Artikel

Festival

Swiss Chamber Music Festival

Herrliche Aussichten

In den Schweizer Alpen, im Berner Oberland präsentiert seit 2011 das Swiss Chamber Music Festival […]
zum Artikel

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Der isländische Pianist **Víkingur ­Ólafsson** findet nicht, dass er ein Pop-Image hat. […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Das Calidore String Quartet wurde 2010 an der Colburn School in Los Angeles gegründet und gehört zu den führenden amerikanischen Streichquartetten. Das mittlerweile in New York City ansässige Ensemble wurde mehrfach ausgezeichnet: So gewann es 2012 den dritten Preis beim ARD-Wettbewerb in München, und 2016 erhielt das Quartett den Hauptpreis beim ersten M-Prize-Wettbewerb, der mit 100.000 US-Dollar die weltweit größte Auszeichnung für Kammermusik darstellt. Das Calidore String Quartet […] mehr


Abo

Top