home

N° 1291
04. - 10.02.2023

nächste Aktualisierung
am 11.02.2023



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Iko Freese/drama-berlin

Arschwackelwettbewerb: Jacques Offenbachs „Die schöne Helena“

Berlin, Komische Oper

Der Komischen Oper glückt derzeit fast alles. Ob „West Side Story“, „Zauberflöte“, „Ball im Savoy“ oder „Clivia“: Alles super gewesen. Wie das toppen? Die Anstrengung, in Siegesserie weiter zu produzieren und auch Offenbachs „Schöne Helena“ zum Sieg zu führen, ist der Sache diesmal anzumerken. Und zwar gerade an der Kalaschnikow des Frohsinns, die Regisseur Barrie Kosky direkt aufs Publikum richtet. Großer Arschwackelwettbewerb! Lederhosengeschwader und der überkandidelte Sprechstil eines freilich supermotivierten Ensembles scheinen leicht vorhersehbar. Das ist Spiegel der Tatsache, dass Offenbachs Antikenparodien heute nicht mehr leicht zu händeln sind.
Kosky kocht die Geschichte der „schönsten Frau der Welt“, die sich als Ehefrau langweilt und vom ersten, hergelaufenen Schnuckel (namens Paris) entführen lässt, auf den zeitlosen Kern herunter: Helena ist die „Desperate Housewife“ schlechthin. Nicole Chevalier mit Champagner-Quasselwasser im Sopran sieht auch tatsächlich haargenau aus wie Teri Hatcher aus besagter US-Fernsehserie. Ständig werden Chansons eingestreut: „Je ne regrette rien“, Charles Aznavours „Formidable“ und „Ne me quitte pas“. Was den Abend in die Länge zieht. Die Pause kommt zu spät.
Trotzdem hat Kosky wieder reihenweise Darsteller wachgeküsst. Nicht nur Peter Renz als Menelaos, der sogar im Rollstuhl die Pointen souverän abfängt. Tansel Akzeybek (Paris) mag ein Tenor von der Stange sein; sitzt aber auf seiner Helena wie angegossen. Theresa Kronthaler als Crossdresser Orest und Stefan Sevenich als Fettkugel Kalchas: bezaubernd. Erstaunlich, wie es Kosky gelingt, die Verantwortung für einen Abend, bei dem ihm selber gar nicht so viel eingefallen ist, auf seine Mitstreiter zu übertragen. Die retten es. Aufgewacht ist dabei auch Henrik Nánási, der bislang verhaltensunauffällige Generalmusikdirektor des Hauses. Mit wunderfeinen, silbrig-seidigen Klangpointen liefert er – noch ein Superlativ! – den besten Berliner Offenbach seit mindestens 30 Jahren.

Robert Fraunholzer, 15.11.2014, RONDO Ausgabe 6 / 2014



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Ein großer Musiker

Meldungen und Meinungen der Musikwelt

Er war der Sohn von Rudolf Serkin, einer Klavierlegende. Und trotzdem sollte Peter Serkin aus dem […]
zum Artikel

Hausbesuch

OehmsClassics

Alle unter einem Dach

Immer noch ein klingender Name: Im Kreis der Naxos-Familie feiert das deutsche Label einen stolzen […]
zum Artikel

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Für Isabelle Faust, wichtigste deutsche Geigerin (neben Anne-Sophie Mutter), beginnt das […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Das Calidore String Quartet wurde 2010 an der Colburn School in Los Angeles gegründet und gehört zu den führenden amerikanischen Streichquartetten. Das mittlerweile in New York City ansässige Ensemble wurde mehrfach ausgezeichnet: So gewann es 2012 den dritten Preis beim ARD-Wettbewerb in München, und 2016 erhielt das Quartett den Hauptpreis beim ersten M-Prize-Wettbewerb, der mit 100.000 US-Dollar die weltweit größte Auszeichnung für Kammermusik darstellt. Das Calidore String Quartet […] mehr


Abo

Top