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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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Meint Bayreuth durchschaut zu haben: Jonathan Meese (c) Künstler

Pasticcio

Dünnhäutiges Parsifal-Männchen

Jonathan Meese hat es wieder getan. Gerade erst war er in München bei einer Diskussionsveranstaltung zu Gast, die mit dem Thema „Diktatur der Kunst“ ihm quasi die Steilvorlage gab, erneut den Hitlergruß zu zeigen. Danach kochten die Gemüter anlässlich dieser „unverschämten Provokation“ (Gegner) bzw. „Kunstperformance“ (Galeristen, Feuilletons) wieder hoch. Sieht man einmal von dieser öffentlichkeitswirksamen Meese-Masche ab, so war sein Auftritt nicht nur für alle Wagnerianer interessant. Gerade in den Kulturredaktionsstuben erhoffte man sich so manche Skandalmeldung über Meeses Abrechnung mit dem Bayreuther Wagner-Clan. Und Meese musste man wohl nicht zwei Mal bitten, um mächtig gegen die Wagner-Sisters loszukeulen. Denn einen hoch gehypten Künstler wie ihn setzt man nicht einfach vor die Tür. Aber genau das hat man gerade eben gemacht.
2016 sollte er in Bayreuth den „Parsifal“ inszenieren. Nachdem Meese aber sein aktualisiertes Regiekonzept der Festspielleitung vorgestellt hatte, bekam er prompt die rote Kartegezeigt. Viel zu teuer, alles nicht finanzierbar, so die Begründung. Daran glaubt der selbsternannte Universalkünstler mit dem ausgesprochenen Hang zur historisch dunkel belasteten Zeichen- und Gestensprache natürlich nicht. Vielmehr wittert Meese ein Komplott gegen sich. Was dahinter stecken könnte, kann er nicht genauer erläutern. Macht aber auch nichts. Denn die PR-Maschinerie läuft dank des medial ausgefochtenen Streits für ihn wieder genauso glänzend wie für die Bayreuther Verantwortlichen, die in den letzten Jahren mit immer mehr Gegenwind zu kämpfen hatten. Schließlich musste sich die Chefin Katharina Wagner regelmäßig Absagen von zukräftigen, wenngleich völlig opernunerfahrenen Regie-Kandidaten wie Lars von Trier oder Wim Wenders abholen. Doch wohl nur noch mit solchen Namen schafft man es, das Traditionsunternehmen Bayreuth in den Schlagzeilen zu halten. Inszenatorisch haben andere Häuser die Wagnererbengemeinschaft nämlich schon lange abgehängt.
Daran wird auch Meeses Nachfolger nicht viel ändern. Es ist der Wiesbadener Intendant Uwe Eric Laufenberg , der nun also 2016 den „Parsifal“ übernimmt. Und wer sich noch an Laufenbergs Zeit an der Kölner Oper erinnert, der weiß schon jetzt, dass nicht mehr als nur Hausmannskost herauskommen wird. Andererseits ist die wenigstens um ein Vielfaches gehaltvoller als ein läppischer kunstaktionistischer Hitlergruß.

Guido Fischer



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