home

N° 1220
25.09. - 01.10.2021

nächste Aktualisierung
am 02.10.2021



Startseite · Klang · Testgelände

Der Löwenbändiger

Friedrich Gulda

An Mozarts Geburtstag, am 27. Januar 2000, starb der große Klaviervirtuose Friedrich Gulda. Durch Zufall fanden sich im Nachlass eines Tonmeisters Guldas 25 Jahre alte „Mozart-Tapes“: zehn Sonaten und eine Fantasie, aufgenommen in einem bitterkalten Winter am Attersee.

Mailand, München, Paris – diese berühmte Mozart-Route bereiste Friedrich Gulda im Laufe des Jahres 1981. Und im Gepäck des österreichischen Jahrhundertpianisten befand sich ein ganzer Stapel Noten, an dem er nach eigenen Worten „gesündigt“ hatte. Es waren sämtliche Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart, diesem neben Bach zweiten Heiligen von Gulda. In den drei Metropolen und in dreiteiligen Konzertzyklen leistete der begnadete Mozartspieler nun Abbitte – gegenüber dem „unterschätzten“ Solowerk, das für ihn bis dahin angeblich nur als „Einspiel- und Zugabenstückchen“ firmierte.
Ganz auf die Goldwaage durfte man natürlich nie alles legen, was dieses polarisierende Schreckgespenst des bürgerlichen Klassikbetriebs gerne von sich gab. Zumal eine gerade wieder entdeckte Aufnahme der Sonate KV 578 aus den 1940er Jahren beweist, wie Gulda mit seinen noch nicht mal 20 Lenzen Mozart ernst nahm. Mit genau jener Balance aus intellektueller Kontrolle und spontanem Zugriff, mit der er 30 Jahre später Mozarts Klavierkonzerte meisterte. Dass Gulda nun endlich auch die Sonaten wieder entdeckte, ist der Erholungspause von einem künstlerischen Vagabundenleben zu verdanken, das Gulda bis 1980 geführt hatte. Nach Ausflügen in den Jazz und mehrfachen Identitätswechseln ging er in einer umgebauten Scheune im oberösterreichischen Weißenbach am Attersee in Klausur. Und spielte auf einem Bösendorfer von morgens bis abends nur noch Mozart – während sein Sohn Rico in der Ecke saß, Karl-May-Bücher verschlang und nebenbei seinen Vater „überhaupt zum ersten Mal als klassischen Pianisten hörte“.
Rico Gulda hat mittlerweile selbst Karriere als Pianist gemacht. Glücklicherweise kümmert er sich aber auch intensiv und in Zusammenarbeit mit Friedrich Guldas Lebensgefährtin Ursula Andres um den Nachlass seines Vaters. „Ich wusste aus Erzählungen meines Vaters, dass er im Winter 1980/81 Mozart-Sonaten aufgenommen hatte. Im Hinterzimmer im ‚Hotel Post‘ am Attersee, an einem Bösendorfer Imperial, von dem mein Vater so angetan war, dass er ihm den Spitznamen ‚Der Löwe‘ gab.“ Warum Friedrich Gulda jedoch das wertvolle Aufnahmepaket sogleich dem Tonmeister Hans Klement schenkte, bleibt für Rico Gulda ein Rätsel. Die auf acht Musikkassetten festgehaltenen Mitschnitte, die in Auszügen nun auf drei CDs als „Mozart-Tapes“ erstveröffentlicht werden, fand Klements Witwe jedenfalls im Archiv ihres Mannes wieder. Und Rico Gulda war mächtig aufgeregt, als er die Kopien einlegte: „Das Mozartspiel meines Vaters ist rhythmisch präsent und in den Phrasierungen deutlich, zugleich aber immer zärtlich und fantasievoll.“
Tatsächlich mag man kaum seinen Ohren glauben, mit welch strammem Zugriff, entwaffnender Spontaneität und bewundernswerter Ausdruckstiefe Gulda seinen Mozart anging. In den Ecksätzen der frühen Sonaten schmeißt er den Presto-Turbo mit fesselnden Kontrasten und Steigerungen an. In den späten Sonaten dann findet er zu großer Strenge und Intimität, während die c-Moll-„Fantasie“ KV 475 voller furios inszenierter „Don Giovanni“-Tragik steckt. Das Mozartjahr hat einen ersten Höhepunkt erreicht.

Neu erschienen:

Mozart

The Gulda Mozart Tapes: 10 Sonaten und eine Fantasie

Friedrich Gulda

DG/Universal

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 1 / 2006



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Carolyn Sampson

Engel mit Vergangenheit

Sie gehört zu den besten britischen Sopranen – was spätestens dank ihres neuen […]
zum Artikel

Pasticcio

1st-Class-Doppel

Meldungen und Meinungen der Musikwelt

2018 jährt sich der 100. Todestag von Claude Debussy. Und auch das London Symphony Orchestra wird […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Sanfter Umbruch: Die Jahre als Kapellmeister beim Fürsten Ésterhazy weiß Joseph Haydn als Experimentierfeld zu nutzen. Das zeigen nicht nur seine fast planvollen Erprobungen im Bereich der Sinfonie, deren weltweit geschätzter Könner er werden wird, sondern auch die solistischen Einsätze und in diesen Jahren entstandenen Solokonzerte. Wie auch Mozart kannte Haydn die Solisten, für die er schrieb alle persönlich, es waren meist seine Kollegen in der Hofkapelle. Die beiden überlieferten […] mehr


Abo

Top