home

N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Bernd Uhlig

Ölsaft des Zweifels: Schönbergs "Moses und Aron"

Paris, Opéra Bastille

Ein Monument seiner selbst ist Arnold Schönbergs unvollendetes Opernoratorium „Moses und Aron“. Klar, dass sich auch Stéphane Lissner, so etwas wie der Intendantenpate des französischen Musiktheaters, nun Herrscher über die beiden Pariser Nationalopern Bastille und Palais Garnier, so eine Gelegenheit nicht entgehen lässt. Romeo Castellucci, der bildende Künstler, folgt zwar als Regisseur den Intentionen Schönbergs, aber er nimmt sie, besonders in der heute albernen sexuellen Orgiastik des Tanzes um das Goldene Kalb, nicht wörtlich. Das Kalb gibt es freilich – in Gestalt des 1,5 Tonnen schweren Charolais-Stier Easy Rider. Gott ist ein Tonband, sein Wort fällt als schwarzer Magnetstreifen vom Himmel herab. Der zunächst nur hinter einem weißen Schleier zu ahnende Moses rafft, sammelt und knautscht es. Der ganze erste Akt ist fast bewegungslos, man nimmt alle nur schemenhaft wahr hinter der weißen Gaze.
Dafür hört man umso intensiver zu. Der souverän disponierende Opernmusikchef Philippe Jordan entfaltet einen seidigen Schönberg- Schönklang, die strenge Zwölftönigkeit hat etwas irisierend Leichtes. Man folgt interessiert dem Dialog des hier mit einem tonprächtigen, männlichen Bariton (Thomas Johannes Mayer) besetzten Moses und den biegsamen Tenoreinwürfen des ratlosen, nicht unsympathischen Aron (John Graham-Hall). Und man bewundert rückhaltlos den fast aktenzfreien, von José Luis Basso einstudierten Chor, der sich so diszipliniert durch den Raum bewegt.
Der zeigt jetzt im zweiten Akt die leere, schwarze Bastille-Riesenbühne. Das Volk füllt sie blockartig, in der Ecke, als Diagonale, an der Rampe aufgereiht. Das Blütenweiß der Unschuld wird schwarz durch den großzügig vergossenen Ölsaft des Glaubenszweifels. Alles Orgienhafte ist ersetzt durch ritualisierte Bewegungen, eine nackte Jungfrau vor dem Kordon der Alten, hereingetragene Behinderte, die sich – wie auch die Gesunden – in einem Bad reinigen wollen und nur noch schmutziger werden. Am Ende stehen vor einer Gebirgslandschaft Moses und Aron, verdreckt, ratlos suchend nach dem „Wort, das mir fehlt“. Hier hörte Schönberg auf, und hier stoppt Castellucci. Der das kaum greifbare Stück als tönendes Artefakt von makelloser Kühlheit bebildert. Doch, die Opéra de Paris ist damit in den ernst zu nehmenden Diskurs über Musiktheater heute zurückgekehrt.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 6 / 2015



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Alte Musik-Fex René Jacobs (70), seit bald einem Vierteljahrhundert eine feste Bank der Berliner […]
zum Artikel

Hausbesuch

Opéra de Nancy

Aus der Nacht zum Tag

Die Operá national de Lorraine in Nancy ist beides: ein Traditionshaus in herrlichstem Ambiente, […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Zum Warmwerden: Von Tenören, die gerne auf der Rasierklinge zwischen Kunst und Kommerz reiten, ist es ja bekannt. Das aber auch Instrumentalisten „ihr“ Weihnachtsalbum aufnehmen, hat Seltenheitswert. Zumal, wenn es auch noch so glückt wie im Fall des Harfenisten Xavier de Maistre. Der verbindet gleich mehrere Programmideen. So ist dieses Album nämlich nicht nur Begleitmusik fürs Weihnachtszimmer, sondern auch eine Verneigung vor einem großen Kollegen unter den Konzertharfenisten, […] mehr


Abo

Top