home

N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Barbara Aumüller

Russischer Dauerfrost: Michail Glinkas „Iwan Sussanin“

Oper, Frankfurt

„Iwan Sussanin“, diesen Gründungsmythos der russischen Oper, nannte man früher „Ein Leben für den Zaren“. Auf Michail Glinkas Debütwerk berufen sich alle russischen Komponisten ähnlich wie dies russische Schriftsteller in Bezug auf Puschkin tun. Dass der 1836 in Petersburg uraufgeführte Vierakter so selten gespielt wird, ist trotzdem kein Zufall. Denn das holpert noch ziemlich. Hinter dem fetten Schlachtengemälde verbirgt sich in Wirklichkeit ein Märtyrer-Kammerspiel für drei Personen. Von diesen rettet die Titelfigur, ein alter Bauer, dem Zaren durch Irreführung des Feindes das Leben. Ein Volksheld, totgeweiht.
Altmeister Harry Kupfer, der in Frankfurt seine Liebe zur russischen Oper neu entdeckt, verlegt die Handlung aus dem 17. Jahrhundert in die letzten Tage des II. Weltkriegs. Die Deutschen liegen vor Moskau – in der zweisprachig gesungenen Aufführung werden im Chor sogar „Sieg Heil!“-Rufe laut. Weil man sich nicht traute, deutsche Uniformen schneidern zu lassen, tapert der Feind in ahistorischen Kosmonautenanzügen durch den russischen Frost. Au backe!
John Tomlinson in der Titelrolle legt den Saboteur aus Vaterlandsliebe als eine Art russischen Hustinettenbär an. Fehlbesetzung! Trotz Katharina Magiera in der Nebenrolle des Wanja, Kateryna Kasper (Antonida), Anton Rositskiy (Sobinin) und Sebastian Weigle am Pult kann sich die Aufführung von der Fehlentscheidung nicht erholen, ein vermeintliches Nationalepos in ein Stück Kriegskritik zu verwandeln.
Denn merke: Wer die erfrierenden Polen, um die es sich in der Vorlage eigentlich handelt, in die deutsche Wehrmacht umdeutet, bei dem stehen am Ende, wenn in Moskau die Sieger aufmarschieren, triumphierende Stalinisten auf der Bühne. Sich auch zu diesen kritisch zu verhalten, dazu reicht die Unabhängigkeit des Regisseurs hier offenbar nicht aus. Ein selten gespieltes Stück; ein „Hoch!“ auf die Ausgrabungslust der Oper Frankfurt! Aber auf diese Weise – und so derb zusammengekürzt – möchte man es doch nicht sehen.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2016



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Eine Jazz-Autorität

Ein Diplomat vor dem Herrn war Michael Naura so gar nicht, eher das genaue Gegenteil. Einer, der […]
zum Artikel

Magazin

Magazin

Schätze für den Plattenschrank

„Ich hatte oftmals sagen hören, dass die Böhmen unter allen Nationen in Deutschland, ja […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Zum Warmwerden: Von Tenören, die gerne auf der Rasierklinge zwischen Kunst und Kommerz reiten, ist es ja bekannt. Das aber auch Instrumentalisten „ihr“ Weihnachtsalbum aufnehmen, hat Seltenheitswert. Zumal, wenn es auch noch so glückt wie im Fall des Harfenisten Xavier de Maistre. Der verbindet gleich mehrere Programmideen. So ist dieses Album nämlich nicht nur Begleitmusik fürs Weihnachtszimmer, sondern auch eine Verneigung vor einem großen Kollegen unter den Konzertharfenisten, […] mehr


Abo

Top