home

N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Startseite · Klang · Retro-Diskothek

Retro-Diskothek

»Das Neue ist selten das Gute«, meinte Schopenhauer, »weil das Gute nur kurze Zeit das Neue ist.« Aus der Fülle der Wiederveröffentlichungen auf CD stellt Michael Wersin in seiner »Retro-Diskothek« die besten der guten alten Scheiben vor.

Der SWR ehrt seinen Gastdirigenten Carl Schuricht (1880– 1967) mit einer zweiten Box buntgemischter Studioaufnahmen und Live-Mitschnitte (die erste erschien im Jahre 2007). Zwischen 1951 und 1966 wurden die hier präsentierten Interpretationen dokumentiert: Einige Beethoven- Sinfonien (darunter die dritte, fünfte und sechste), die durch strikte Geradlinigkeit und völlige Abwesenheit agogischer Tricksereien überraschen; eine leuchtend intensive, warme „Fünfte“ von Schubert; wuchtige, energiegeladene Brahms-Sinfonik, aber auch eine höchst eindringliche Version der „Alt-Rhapsodie“ mit der stimmgewaltigen Lucretia West als Solistin; erstaunlich klar durchstrukturierter Debussy (der Beginn von „La Mer“ ohne die üblichen Nebelschwaden) und Manches mehr aus dem 19. Jahrhundert. Dazu einige modernere Werke, die heute längst vergessen sind: Günter Raphaels „Sinfonia breve“ etwa oder Robert Oboussiers „Violinkonzert“. Stunde um Stunde mag man sich vertiefen in diese Klänge einer versunkenen Zeit, initiiert von einem der ganz großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, dessen eigene musikalische Vita noch deutlich im 19. Jahrhundert verwurzelt war.
Carl Schuricht Collection II, 10 CDs, Hänssler Classic

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Schurichts letzte Station im Deutschland des Zweiten Weltkriegs war Dresden: Hier wurde er im Oktober 1944 Chef der Philharmonie, verließ aber schon im November fluchtartig die Stadt, um sich in der französischen Schweiz niederzulassen. Zu jener Zeit versammelten sich in Dresden noch einmal einige der größten Richard-Wagner-Interpreten der damaligen Zeit, um in konzertanten Aufführungen in der Semperoper die Früchte vorangegangener Wagner-Inszenierungen darzubieten; Christel Goltz, Margarete Teschemacher, Lorenz Fehenberger und Kurt Böhme waren darunter. Mitte Februar 1945 versank unter den Bombenangriffen der Alliierten auch die Semperoper in Schutt und Asche. Nach dem Krieg lief die traditionell starke Richard- Wagner-Rezeption in Dresden nur sehr zögerlich wieder an: U.a. ideologische Vorbehalte spielten dafür wohl eine Rolle. Die Folge 3 der „Semperoper-Edition“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf drei CDs die Wiederaufnahme der Dresdner Wagner-Tradition nach dem Krieg exemplarisch zu dokumentieren. Im April 1949 brachte man in der Semperoper mit dem „Tannhäuser“ erstmals wieder eine Wagner-Oper auf die Bühne. Davor gab es vereinzelte Rundfunkproduktionen des MDR, aus denen hier Ausschnitte zu hören sind: Christel Goltz u. a. mit „Isoldes Liebestod“, „Tannhäuser“-Szenen mit Bernd Aldenhoff und Margarete Bäumer, die „Meistersinger“-Ouvertüre unter Joseph Keilberth als Mitschnitt von den Wiedereröffnungs- Feierlichkeiten am 24. September 1948 … ein Fest der großen Stimmen und des beseligten Dirigierens in schwieriger, entbehrungsreicher Zeit – liebevollst aufbereitet mit einem vorbildlichen Beiheft. Wieder Wagner? Die ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen. 3CDs, Profil Edition Günter Hänssler

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Michael Wersin, 30.11.1999, RONDO Ausgabe 5 / 2012



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Benjamin Bernheim

Geschichtenerzähler

Der als große Hoffnung gehypte Tenor erweitert sein lyrisches Fach – hin zu Verdi, Puccini und […]
zum Artikel

Pasticcio

München strahlt!

Auf zwei Hochzeiten zu tanzen und dabei zwei Top-Orchester hauptamtlich zu leiten, ist bekanntlich […]
zum Artikel

Pasticcio

Grund zum Jubeln

Es gibt da eine Lithographie aus dem Jahr 1873, auf der eine der bedeutsamsten Begegnungen in der […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Auf Anregung seines Lehrers Carl Friedrich Zelter schrieb der blutjunge Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von 12 bis 14 Jahren zwölf Streichersinfonien im Zeitraum von 1821 bis 1823. Diese Werke bildeten sein Übungs- und Experimentierterrain für den musikalischen Satz, die Instrumentation und die sinfonische Form. Mendelssohn überschrieb die Stücke, die er mal mit drei und mal mit vier Sätzen gestaltete, wechselweise mit „Sinfonia“ oder „Sonata“. In ihnen fand die […] mehr


Abo

Top