home

N° 1291
04. - 10.02.2023

nächste Aktualisierung
am 11.02.2023



Startseite · Klartext · Pasticcio

In der Politik angekommen: Gustavo Dudamel (c) Vern Evans/DG

Pasticcio

Linienuntreu

„Heart-breaking cancellation of our 4-city NYOV US tour” – mit dieser Twitter-Zeile hat Gustavo Dudamel gerade auf eine Entscheidung reagiert, mit der der venezolanische Präsident Nicolás Maduro einmal mehr seinem Ruf als wenig zimperlicher Potentat gerecht geworden ist. Maduro hat nämlich kurzerhand dem weltberühmten Dirigenten und Sohn des Landes untersagt, mit dessen weltweit nicht weniger bekanntem Símon-Bolívar-Jugendorchester auf eine geplante Vier-Städte-Tournee durch die USA zu gehen. Der Grund: Gustavo Dudamel hatte es entgegen seiner bisherigen kritiklosen Haltung gegenüber dem sozialistischen Regime in letzter Zeit offensiv gewagt, sich gegen die Politik Maduros zu positionieren. Als etwa im Mai der 17 Jahre alte Bratschist Armando Cañizales bei einer Demonstration getötet wurde, forderte Dudamel Maduro auf, „den gerechten Schrei des Volkes, das von einer unerträglichen Krise erstickt wird, nicht länger zu ignorieren“. Und im Juli legte Dudamel im Vorfeld einer geplanten Entmachtung des Parlaments in einem Beitrag in der „New York Times“ und in der spanischen Zeitung „El País“ nach. So betrachte er es als seine „Pflicht als venezolanischer Bürger, meine Stimme zu erheben gegen die verfassungswidrige Entmachtung staatlicher Institutionen.“ Mitte des Monats wurde dieser Schritt vollzogen – und Maduro machte sich danach über den Stardirigenten mit den Worten lustig: „Willkommen in der Politik, Gustavo Dudamel!“ In welches Wespennest der ansonsten als Sunnyboy gefeierte Dudamel aber mit seiner Kritik gestochen hatte, sollte er kurz darauf zu spüren bekommen, dank eben Maduros Direktive, das staatliche Jugendorchester unter der Leitung ihres Chefdirigenten nicht in amerikanisches Feindesland aufbrechen zu lassen. Geplant waren Auftritte vom 9. bis 21. September u.a. in Virginia, Chicago sowie in der Hollywood Bowl bei Los Angeles.
Bereits als 18-Jähriger wurde Dudamel 1999 an die Spitze des Orchesters gewählt, in dem er auch seine allerersten musikalischen Schritte gemacht hatte. Mindestens einmal im Jahr kehrt er somit zu seinen Wurzeln, nach Caracas zurück, und erarbeitet mit dem Orchester regelmäßig gewaltige Repertoire-Brocken von Beethoven bis Mahler. Aber auch wenn man jetzt nicht seine Klasse in den USA unter Beweis stellen kann, garantiert Dudamel: „Wir werden weiter für ein besseres Venezuela und eine bessere Welt spielen und kämpfen.“

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Kronjuwelen

Magazin

Schätze für den Plattenschrank

Das waren noch Zeiten, als Musiker nach erfolgreicher Aufnahmesession am Ausgang sofort cash […]
zum Artikel

Hausbesuch

Kulturpalast Dresden

Musik im Herzen

Sachsens Landeshauptstadt rüstet kulturell auf. Nach neuen Bühnen im Kraftwerk Mitte wird am 28. […]
zum Artikel

Gefragt

Carl Czerny

Schleifer mit Herz

Der Ruf des Beethoven-Schülers ist nicht der allerbeste. Zu Unrecht, wie das Klavierduo Tal & […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Das Calidore String Quartet wurde 2010 an der Colburn School in Los Angeles gegründet und gehört zu den führenden amerikanischen Streichquartetten. Das mittlerweile in New York City ansässige Ensemble wurde mehrfach ausgezeichnet: So gewann es 2012 den dritten Preis beim ARD-Wettbewerb in München, und 2016 erhielt das Quartett den Hauptpreis beim ersten M-Prize-Wettbewerb, der mit 100.000 US-Dollar die weltweit größte Auszeichnung für Kammermusik darstellt. Das Calidore String Quartet […] mehr


Abo

Top