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Niemals nur Erprobtes: Preisträger Beat Furrer (c) Manu Theobald

Pasticcio

Klänge jenseits der Grenze

In der zeitgenössischen Musikszene ist es schon lange kein Tabu mehr, sich selbst der klassischen Konzertgattung zu widmen. Aber natürlich geht es dann nicht retrospektiv kreuzbrav zu, sondern bisweilen extrem aktionsreich. Wie etwa im Klavierkonzert von Beat Furrer aus dem Jahr 2007: Auf den ersten Blick ist es mit seinem motorischen Furor, seiner rhythmischen Unberechenbarkeit ein höchst gereiztes Bravourstück. Doch der Solist kommt da nicht einfach ins Schwitzen. Immer wieder wird er in seinem Bemühen zurückgeworfen, muss er wie einst Sisyphos das steinige Passagenwerk ständig neu angehen. Der ungerade Weg, er ist bei diesem Stück das nur mühsam zu erreichende Ziel. Über die vielen Jahre und Jahrzehnte hat sich Beat Furrer zwar vorrangig als Komponist von Opern einen weithin bedeutenden Namen gemacht. Aber auch in seinen Instrumentalstücken stecken diese immensen Hochspannungen und Züge von Irritation, von Verunsicherung, die typisch für Furrers Klang-Zustände sind. Und dennoch: Bei allem Raffinement wirken sie nie konstruiert, nur vom Notenpapier her gedacht. Ob es nun ein „Solo“ für Violoncello als labyrinthisches Knäuel aus Stille und Nicht-Stille ist oder abendfüllendes Musiktheater – das Schaffen des österreichischen Komponisten Schweizer Herkunft besitzt eine grundlegende, absolut unberechenbare Ausdrucksintensität, der sich niemand entziehen kann.
„Beat Furrer gestaltet seit vielen Jahren die musikalische Gegenwart auf die eindrücklichste Art und Weise.“ Mit diesen Worten hat nun die Jury des Ernst-von-Siemens-Musikpreises ihr Votum begründet, dem Komponisten in diesem Jahr die mit immerhin 250.000 Euro dotierten Auszeichnung zu verleihen. Und weiter heißt es da: „Sein Einfluss auf jüngere Generationen von Komponisten und Interpreten ist enorm.“ Und sein Lebenswerk erstreckt „sich über alle musikalischen Gattungen und ist von geradezu suggestiver Kraft. Seiner eigenen Klangsprache stets unverkennbar treu bleibend, reproduziert Furrer niemals Erprobtes, sondern führt musikalische Ideen mit jedem neuen Werk einen Schritt weiter und erkundet unbekanntes ästhetisches Terrain.“
Wie fast bei jedem Preis für das Lebenswerk scheint nun auch dieser für den erst 63-jährigen Furrer doch ziemlich verfrüht. Denn der in Schaffhausen geborene und ab Mitte der 1970er Jahre in Wien von Otmar Suitner (Dirigieren) und Roman Haubenstock-Ramati (Komposition) ausgebildete Musiker steht schließlich weiterhin mitten im aktuellen Neue Musik-Leben – ob als Komponist, dem solche Opernwürfe wie „Die Blinden“ zu verdanken sind, oder als Dirigent, der regelmäßig zu dem von ihm gegründeten Klangforum Wien zurückkehrt. Und bei den diesjährigen Salzburger Festspielen wird er eine exponierte Rolle spielen, wenn er unter dem Titel „Zeit mit Furrer“ in vier Konzerten Ein- und Ausblicke in sein Schaffen gibt. Vorher aber, am 3. Mai, findet die Verleihung des Ernst-von-Siemens-Musikpreis 2018 im Münchner Prinzregententheater statt. Die Laudatio hält der österreichische Kulturwissenschaftler Thomas Macho, Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften Wien.

Guido Fischer



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