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Feingeist mit Stethoskop: Hat Ihr Arzt Musik im Blut? (c) pixabay.com

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Der Ton macht die Behandlung

Ende des letzten Jahres sorgte ein Urteil vom Bundesfassungsgericht mal wieder für heftige Diskussionen. Geklagt hatten zwei Bewerber für das Studienfach Medizin, die leider nicht die nötige Abi-Note vorweisen konnten, um die für ihr Fach bestehende Numerus Clausus-Hürde zu überspringen. Aber selbst trotz langer Wartezeit waren sie weiterhin nicht zum Zuge gekommen. Im Rahmen der Verhandlung knöpften sich daher die Karlsruher Richter einmal grundlegend das strenge Auswahlverfahren zum Medizinstudium vor – und siehe da: ab sofort soll eben nicht allein die Note etwas darüber aussagen, ob man das Zeug zu einem Spitzenmediziner hat. Ebenso berücksichtigt werden weiche Faktoren wie Kommunikationsfreudigkeit und Empathie. Schließlich kann jeder von leidvollen Erfahrungen mit Ärzten berichten, die fachlich Spitze sind, aber die soziale Kompetenz einer Amöbe besitzen.
Doch wie wird aus einem eiskalt schnibbelnden Chirurgen ein mitfühlender, anteilnehmender, die Patientenhand tätschelnder Mensch? Die Antwort hat man vielleicht schon immer geahnt, aber jetzt ist sie von einer US-amerikanischen Studie bestätigt worden, die in der aktuellen Ausgabe des „Journal of General Internal Medicine“ veröffentlicht wurde. Wer sich mehr mit Kultur, mit Musik, Literatur, Theater, Bildender Kunst beschäftigt, besitzt auch einen einfühlsameren Draht zu seinen Patienten.
739 Medizin-Doktoranten von fünf amerikanischen Universitäten hatten an einer Umfrage teilgenommen. Und heraus kam, dass diejenigen, die eine künstlerische und geisteswissenschaftliche Ader haben, höhere Werte besaßen in Bezug auf Offenheit, visuell-räumliche Fähigkeiten und die Fähigkeit, ihre eigenen und die Emotionen anderer zu lesen. Die anderen, die lieber Fachliteratur büffeln, zeigten dagegen die klassischen Burnout-Symptome wie körperliche und emotionale Erschöpfung. „Die Geisteswissenschaften wurden oft in den Lehrplänen der Medizinschulen verdrängt“, so der Medizin-Professor und Co-Auto der Studie Marc Kahn. „Aber unsere Daten deuten darauf hin, dass die Auseinandersetzung mit den Künsten die persönlichen Eigenschaften zukünftiger Ärzte entscheidend prägen kann.“
Auch im deutschen Uni-Betrieb sind solche Erkenntnisse bereits immer wieder diskutiert worden. Und inzwischen gibt es Vorschläge, dass die Medizinstudenten neben den klassischen Hauptfächern unbedingt auch Seminare in Musikwissenschaft oder Kunstgeschichte belegen sollten.
Dass die heutige Ärzteschaft musikalisch völlig ungebildet wäre, lässt sich andererseits auch nicht behaupten. Man schaue sich nur die stolze Zahl an klassischen Ärzteorchestern an. 2015 wurde sogar unter dem Motto „Musik für das Leben“ die Bundesärztephilharmonie gegründet – eine prächtige Prüfgruppe. Jetzt müsste man in deren Reihen nur noch untersuchen, welcher der Zahnärzte oder Orthopäden nicht nur den Umgang mit der Geige oder der Oboe beherrscht, sondern auch gegenüber seinen Patienten zarte Saiten aufzieht.

Guido Fischer



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