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(c) Cooper & Gorfer

Daniel Hope

Klassisch unterwegs

Das geigende Multitalent hat diesmal eine beglückend einfach strukturierte Konzept-CD vorgelegt.

RONDO: Für Ihre Verhältnisse ist es ja ein sehr konventionelles Album geworden. Warum?

Daniel Hope: Wenn man meine Diskografie ansieht, von Schnittke und Takemitsu über die Theresienstadt-CD bis hin zu Renaissance und Barock, dann gab es eine Lücke: die Wiener Klassik. Die wollte ich nun angehen – aber nur Mozart-Violinkonzerte aufzunehmen, das war für mich weniger spannend. Ich bin aufgrund meiner Herkunft und meiner Erziehung zu jemandem geworden, der gerne rechts und links schaut, das Umfeld und die historischen Begleitumstände untersucht. Deshalb sind auf diesem Album auch Werke des böhmischen Mozart- Freundes Josef Mysliveček und des Zeitgenossen und Nachfolgers Johann Peter Salomon, Konzertveranstalter und Beethoven- Freund, sowie Mozarts Vorgänger, Christoph Willibald Gluck eingeschlossen. Insbesondere Mysliveček: ein hochinteressanter Komponist, der aus Böhmen kam und in Italien sehr gefeiert wurde. Man könnte eine CD allein über ihn machen, denn Myslivečeks Musik war sehr spannend, sehr spontan. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die beiden seelenverwandt waren. Wenn bei Mysliveček die Geige einsetzt, dann höre ich Mozart.

RONDO: Ist Mozart nicht auch einer der Komponisten, die man als Geiger ganz früh spielt, jeder lernt die Konzerte, oder ganz spät? Wenn man dann sagt: Jetzt habe ich ihn wirklich verstanden?

Hope: Genauso ist es. Aber natürlich hängt dieses Album auch sehr mit meiner neuen Position als Music Director des Zürcher Kammerorchesters zusammen. Ich kenne das Orchester seit vierzig Jahren, auch wenn nur ein Musiker aus dieser ersten Zeit noch aktiv im Orchester spielt. Ich selbst bin jetzt in meiner zweiten Saison dort – wir sind sehr zusammengewachsen in dieser Zeit und befinden uns auf einer noch andauernden, wunderbaren gemeinsamen Reise. Ich wollte dies unbedingt in einem gemeinsamen Hör- und Konzertprojekt dokumentieren. Und zudem ist das Mozart-Verständnis, von Adorno bis Alfred Einstein, ein sehr kontroverses. Seit 35 Jahren beschäftige ich mich mit dieser Musik, das sollte nun seinen Niederschlag finden.

RONDO: Was haben Sie da erlebt?

Hope: Zum Beispiel meine Erfahrungen mit Roger Norrington, die mich sehr geprägt haben, der ja oft im Konzert einem noch Sachen zuflüstert, auf die man reagieren soll. Mozart zu spielen ist eine ständige Entwicklung, die uns zwingt, zuzuhören und zu lernen. Albert Einstein hat einmal gesagt, Beethoven erschaffe Musik, doch Mozarts Musik sei „so rein, dass man denken könnte, sie habe schon immer existiert und nur darauf gewartet, vom Meister entdeckt zu werden“. Mozart ist und bleibt eines der größten Genies, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat.

RONDO: Haben Sie denn die Mozart-Konzerte in den letzten Jahren gespielt?

Hope: Durchaus, sie gehören natürlich zum Grundstein einer Geigenkarriere. Oder besser noch: Sie sind wie Vitamine in unserer Nahrungskette, auf die der gesamte Organismus aufbaut. Ich durfte in meiner Zeit beim Beaux Arts Trio viel mit Menahem Pressler an den Mozarttrios arbeiten, das war für mich ein Schlüssel zu einem besseren Verständnis. Aus diesen ganzen Impulsen, die ich über Jahre gesammelt habe, wollte ich einmal die Synthese ziehen und das war es eben – jetzt oder nie!

RONDO: Und auch für das Zürcher Kammerorchester ist es sicher ähnlich gewesen?

Hope: Auch das ZKO hat eine langjährige Erfahrung mit diesem Komponisten. Sie spielen sehr viel Mozart mit ganz verschiedenen Stil- und Deutungsrichtungen. Nun haben wir unser Zusammensein intensiviert und uns in dieser Essenz ideal gefunden.

RONDO: Probieren Sie gern?

Hope: Immer, und vor allem mit den Zürchern gegenwärtig sehr. Auch weil ich ebenfalls als Konzertmeister fungiere – man hört anders zu, fügt sich zugleich anders ein, und die Klangbalance, das Verhältnis zu den Bläsern, beschäftigt mich besonders. Aber das intensive Zusammensein hält uns wach, lässt uns aufblühen. Und Haydn und Gluck zu spielen, im Kontrast zu Mozart, das öffnet ungemein die Ohren. Dirigieren ist ein Dialog, aber der Dirigent führt. Hier machen wir hingegen Kammermusik auf etwas größerer Ebene, das ist herrlich.

RONDO: War die Zusammenstellung dieses Albums kompliziert?

Hope: Und wie! Es war mir klar, innerhalb von welchem Nukleus wir uns bewegen wollen, aber es gibt so viel wunderbare Musik gerade aus dieser Zeit – wir hätten leicht fünf Alben zusammenstellen können. Wieso nicht Beethoven, Stamitz, Dittersdorf, Hoffmeister? Wieso nicht Schubert? Wir haben leider diese CD-Grenze von 80 Minuten, da war es schwer. Zumal ja auch erst einmal klar sein musste, was ich von Mozart wählen sollte. Ich bin dann chronologisch vorgegangen und habe mit Gluck begonnen, der Mozart sehr stark fasziniert und geprägt hat, dessen Stelle bei Hofe er auch bekommen hat – wenngleich weit schlechter bezahlt. Wie so oft, ist dann das Album freilich nur der Anfang für ein Programm. In Konzerten kann ich dann viele unterschiedliche Abende zu diesem Thema über Jahre hinweg bauen und erschaffen.

RONDO: Mozart war Freimaurer. Hat Sie das bei Ihren Recherchen ein wenig interessiert?

Hope: Haydn übrigens auch. Allein schon, weil an meiner Schule früher fast sämtliche Lehrer Freimaurer waren und wir einmal im Jahre in diesem großen Tempel in London, gleich hinter der Covent Garden Opera, musizieren mussten. Daran muss ich jedes Mal denken, wenn ich an diesem düsteren Gebäude vorbeikomme.

RONDO: War man bei der Deutschen Grammophon froh, dass Sie diesmal ein vergleichsweise einfaches, zugängliches Thema für Ihre CD gewählt haben?

Hope: Glücklicherweise bekam ich eine Carte blanche bei der Konzeption meiner Alben. Am Anfang stehen immer Fragen wie: Wo stehe ich gerade? Wo möchte ich hin? Womit möchte ich ein Stück Lebenszeit und damit die verbundenen Konzerte verbringen? Und so kristallisiert sich doch immer sehr schnell heraus, was für mich gerade die größte Relevanz hat.

RONDO: Schauen Sie gern auf Ihre Konzept- CDs zurück?

Hope: Simon Rattle sagte einmal, Alben sind wie Kinder, man freut sich, wenn sie da sind, man freut sich aber noch mehr, wenn sie wachsen, wenn sie eine Nachhaltigkeit haben. Bei meinem Album über Sphärenmusik bin ich durch eine BBC-Diskussion im Radio auf das Thema gestoßen, was mich dazu bewegt hat, eine 30 Jahre alte Idee zu realisieren. Mozart hingegen war natürlich immer in meinen Gedanken. Ich wollte ein wenig gelebt haben, um Mozart gerecht werden zu können. Die Erfahrung, musikalisch wie persönlich, wirkt sich auf die Musik aus und gibt ihr den Klang, den ich hoffe, ihr gegeben zu haben. Denn niemand kann die Konzerte heute noch zwei- oder dreimal aufnehmen. Diese goldenen Zeiten sind vorbei.

Neu erschienen:

Wolfgang Amadeus Mozart

Journey To Mozart

Daniel Hope, Zürcher Kammerorchester

DG/Universal


Künstler auf Achse

Dem 1973 in Durban geborenen Daniel Hope war die Geige nie genug. Er lebte in Paris, London und Wien, heute in Berlin, der Heimat seiner Vorfahren. Eine enge künstlerische Partnerschaft verband ihn mit Yehudi Menuhin. Von 2002 bis 2008 gehörte er zur letzten Besetzung des Beaux Arts Trio. Er hat Bücher geschrieben, füllt Zeitschriftenkolumnen, produzierte einen Dokumentarfilm, moderiert im Radio, leitet Festivals. Seit 2016 ist er Musikdirektor des Zürcher Kammerorchesters.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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