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(c) Foto von Felix Nadar

Claude Debussy

Einer von übermorgen

Das letzte Jubiläum ist kaum vergangen: 2012 feierte man den 150. Geburtstag des Franzosen auch beachtlich auf Tonträger. Doch das Debussy- Jahr zum 100. Todestag 2018 kann sich schon jetzt mehr als hören lassen.

Der Mut zum Autodidakten aus freien Stücken zwang Debussy, alle Aspekte des musikalischen Schaffens neu zu überdenken; indem er dies unternahm, vollzog er eine radikale, wenn auch nicht immer in die Augen springende Revolution.“ Mit diesen Zeilen bekannte sich Pierre Boulez 1956 zum ersten Mal schriftlich zu Claude Debussy, im selben Jahr, in dem er auch seine Dirigentenkarriere startete. Was stand als allererstes Stück bei seinem Debüt auf dem Programm? Debussys „Jeux“. Für Boulez blieb seitdem die Musik seines Landsmanns ein ständiger Weggefährte. So auch während seiner intensiven Gastdirigenten- Zeit beim Cleveland Orchestra, mit dem er akribisch und dennoch luftig all die Klangspektren etwa in „La mer“ und den drei „Nocturnes“ ausleuchtete.
Dieses einzigartige orchestrale Debussy- Manifest erschien 1995 erstmals auf Tonträger und ist jetzt im Rahmen einer kleinen, aber schwergewichtigen Vinyl-Serie wiederveröffentlicht worden. Denn mit Arturo Benedetti Michelangeli und Krystian Zimerman sind – ebenfalls im 33er-Format – zwei Pianisten mit ihren epochalen Einspielungen aus den Jahren 1971 bzw. 1994 zu erleben. Was beide da den Klavierstücken an Spannungen, subtilen Details sowie an moderner Rigorosität und Kantigkeit entlockt haben, besitzt bis heute Gültigkeit. Fast könnte man das auch über Friedrich Guldas Gesamteinspielung der 24 Préludes von 1969 sagen. Für Gulda war Debussy ein halber Jazzer („Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir“ etwa wird bei ihm gar zur avantgardistischen Frühform eines Jazz-Standards). Doch auch das verlockend Sinnliche und Suggestive wusste der geniale Exzentriker beeindruckend zu nehmen. Nur mit dem brutal direkten Klangbild der Aufnahmen, die im legendären MPS-Tonstudio entstanden und jetzt auf CD sowie Vinyl erneut herausgekommen sind, kann man sich nur schwer anfreunden.
Vielleicht hätte sich der (neudeutsch gesprochen) Open-Minded- Pianist Gulda an den etwas anderen Debussy- Fantasien der gebürtigen Ukrainerin Marina Baranova zumindest interessiert gezeigt. Berühmte Stücke wie „Clair de lune“ und „Gradus ad Parnassum“ hat sie als Sängerin sowie am Harmonium und einem Fender Rhodes-Piano in meditative, bisweilen märchenhaft wirkende Sphären entführt. Und die dezente Perkussivität auf einem präparierten Flügel ruft apart Debussys Begeisterung für die Gamelan-Musik in Erinnerung.
Auf einen anderen künstlerischeren Pfad hat ebenfalls die französische Pianistin Élodie Vignon Debussy geführt. Alles dreht sich um die 12 Etüden, die Vignon zunächst ohne allzu große Neugier für den experimentellen Sprengstoff dieser Anti- Exerzitien angeht. Beim zweiten Teil der Aufnahme erklingen sodann die markanten Initialen jeder Etüde und leiten fließend über zu insgesamt zwölf Gedichten von Lucien Noullez, die von Clara Inglese vorgetragen werden. Eine stimmungsvolle Liaison von Wort und Musik im Stile eines musikalischen Salon littéraire ist da herausgekommen.
Klavier und Stimme – da ist die Überleitung zum neuen Liedrecital leicht, das die Pianistin Lucy Crowe zusammen mit Pianist Malcolm Martineau aufgenommen hat. 20 Lieder vorrangig aus dem Zeitraum 1880 – 1884 sind zu hören (zudem empfiehlt sich Martineau mit dem Klavierstück „Arabesque“ für eine Karriere als Debussy- Pianist). Und obwohl Crowe hier und da etwas vom erlesenen Melos abgeht, mit dem etwa die Kolleginnen und Muttersprachlerinnen Sandrine Piau oder Véronique Gens in den Debussy-Chansons auftrumpften, begeistert sie mit feinem Gespür für diese facettenreichen Stimmungswelten.
Im noch jungen Debussy-Jahr haben sich sogleich zwei Altmeister in die Feierlichkeiten eingereiht. Daniel Barenboim hat sich für sein Recital neben den „Préludes I“ und den „Estampes“ für Evergreens à la „Clair de lune“ entschieden. Und wenngleich manches sehr routiniert gekonnt daherkommt, gelingen ihm immer noch unvergleichlich magische Momente. Barenboims guter Freund Maurizio Pollini hat bekanntermaßen schon vor Jahrzehnten mit seinen Debussy- Aufnahmen ähnliche Maßstäbe gesetzt wie Zimerman & Co. Nun legt er die „Préludes II“ vor und ist außerdem erstmals vierhändig zu hören – in „En blanc et noir“ für zwei Klaviere, zusammen mit Sohn Daniele. War Pollini zuletzt technisch nicht immer auf der Höhe, so hat er bei Debussy zu alter Klasse wiedergefunden. Und aus der Fulminanz seines Spiels und nicht nur im kaskadenhaft Virtuosen gibt sich immer auch der Kenner der Neuen Musik und etwa der Klaviermusik eines Boulez zu erkennen.
Wer übrigens dachte, sich bereits 2012 anlässlich der Feierlichkeiten von Debussys 150. Geburtstag mit umfangreichen Boxen abschließend eingedeckt zu haben, muss leider wieder etwas Platz im CD-Regal machen. Denn nur die sensationelle Box „Claude Debussy – The Complete Works” aus dem Hause Warner verdient diesen Titel zu Recht, da hier wirklich alles, zum Teil auch als Weltersteinspielung zu hören ist, darunter auch Rares wie Debussys Transkription von Camille Saint-Saëns’ 2. Sinfonie für vier Klavierhände oder die lyrische Komödie für Sopran, Tenor und Klavier „Diane au bois“ von 1885.

Neu erschienen:

Préludes II, En blanc et noir

Maurizio Pollini

DG/Universal

Préludes I, Estampes u.a.

Daniel Barenboim

DG/Universal

Études I & II u. a.

Élodie Vignon

Cypres/Naxos

Préludes I & II (2 CDs)

Friedrich Gulda

MPS/Edel

Lieder Vol. 4

Lucy Crowe, Christopher Altman, Malcolm Martineau

Hyperion/Note 1

„Claude Debussy – The Complete Works“, 33 CDs

Warner Classics

„Claude Debussy – Complete Works“, 22 CDs & 2 DVDs,

DG/Universal

Unfolding Debussy

Marina Baranova

Neue Meister/Edel

Wiederveröffentlichungen auf Vinyl:

Images I & II, Children’s Corner

Arturo Benedetti Michelangeli

DG/Universal

Préludes I & II (2 LPs)

Krystian Zimerman

DG/Universal

Images I & II (+ Szymanowski)

Cathy Krier

CAvi/harmonia mundi

La mer, Nocturnes

Pierre Boulez, The Cleveland Orchestra

DG/Universal


Zukunftsmusiker Debussy

Als Claude Debussy einmal darauf angesprochen wurde, dass er in dem Buch „Musiciens d’aujourdhui“ von Romain Rolland einen recht großen Platz einnehmen würde, reagierte er ziemlich zurückhaltend. „Mögen Sie das Porträt über sich nicht?“, lautete daraufhin die Frage. „Oh doch“, antwortete Debussy. „Aber sie gehört nicht in dieses Buch! Ich bin doch kein Musiker von heute. Vielleicht einer von morgen, oder von übermorgen.“ Ähnlich sah es übrigens sein Bewunderer Pierre Boulez, von dem eine der treffendsten und zugleich poetischsten Würdigungen stammt: „Seine Position an der Schwelle der Neuen Musik gleicht einem Pfeil, der einsam in die Höhe schießt.“


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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