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(c) York Christoph Riccius/DG

Maurizio Pollini

Reifezeit

Als Anlass ist dem italienischen Pianisten der 100. Todestag Debussys nicht wichtig. Dennoch hat er nun pünktlich dazu das zweite Buch der „Préludes“ veröffentlicht.

Ich habe vor 20 Jahren das erste Buch von Claude Debussys ‚Préludes‘ aufgenommen, das sind wunderbare 12 Stücke, die haben mich so lange beschäftigt. Ich wollte stets die zweite Folge aufnehmen, aber irgendwie hat es so lange gedauert, ich kann den Grund nicht sagen. Ich fand aber die Idee zwingend, es mit der ‚Suite en blanc et noir‘ zu kombinieren, zusammen mit meinem Sohn Daniele, der auch Pianist und Dirigent ist. Jetzt ist sie eben da. Ich nehme ja nicht so viele CDs auf, bei mir dauern die Dinge ein bisschen.“
So einfach und, wenn man ihn kennt, für ihn durchaus folgerichtig, klärt einer der berühmtesten Pianisten darüber auf, wie schwer es ihm selbst heute, nach Jahrzehnten Karriere fällt, sich ein Stück zu erarbeiten, es aufzunehmen, um es der Öffentlichkeit zu überlassen. Genau das aber hat der große Maurizio Pollini jetzt wieder einmal getan. Sogar ohne Hintergedanken. „Mit dem Debussy- Jubiläum hat es nur mittelbar zu tun“, führt er aus. „Wir haben die Werke 2016 aufgenommen, die CD sollte ursprünglich ein Jahr später, im Herbst 2017 herauskommen. Dann fanden alle, wir lassen es noch ein wenig liegen und warten auf Debussys 100. Todestag.“
Wie ist er dabei vorgegangen? „Ich habe, wie ich es stets mache, dieses zweite Buch vorher sehr oft aufgeführt, ich will sehr sicher sein, bevor ich etwas festhalte. Ich habe die CD übrigens, wie fast alle meine Soloplatten, im Münchner Herkulessaal aufgenommen. Er ist schön, ich liebe seine unbestechliche Akustik. Und er ist mir ja sehr vertraut.“
Herausgekommen ist eine feine, zurückgenommene, kostbar glänzende, auf die Essenz reduzierte Version dieser berühmten Stücke. Die sich dann, in der „Suite en blanc et noir“ in einem dynamisch größeren, durch vier Hände voluminöseren Taumel an der Seite von Daniele Pollini entlädt. „Ich weiß nicht, ob ich mit meinem Sohn auf Tournee gehen werde, es soll eher eine einmalige Sache bleiben. Dafür spiele ich wieder das erste Buch der ‚Préludes‘ im Konzertsaal. Ich konzertiere nach wie vor gerne, Musik braucht schließlich uns Interpreten. Sonst hat sie keine Stimme, und ich finde, ich habe noch etwas zu sagen.“
Unbedingt. Gerade bei Debussy, bei dem sich der sonst so zurückhaltende Maurizio Pollini verbal zu steigern weiß: „An meine erste Begegnung mit Debussy erinnere ich mich nicht. Als ich sehr jung war, habe ich mit Vorliebe die ‚Images‘ und die ‚Estampes‘ gespielt, dann nach und nach das erste Buch der ‚Préludes‘. Ich mag Debussy sehr, deshalb ist er ständig in meinem Repertoire. Mit ihm beginnt das 20. Jahrhundert, das ist für mich ebenso bedeutend wie die Zeit Beethovens oder Chopins. Debussy öffnet die Tür zur Neuzeit mit einem völlig neuen Klang. Die Musik atmet anders seit ihm. Ich liebe seinen Sinn für Farben und seine Harmonien, die sind tonal, modal, arabisch geprägt, Kirchentonarten. Es ist magisch, wie er das variiert und verbindet. Er ist für mich einer der größten Komponisten. Ich möchte aber auch Ravel nicht missen, obwohl ich mehr Debussy gespielt habe. Das bedauere ich – für Ravel.“

Neu erschienen:

Claude Debussy

Préludes Bd. 2, Suite en blanc et noir

Maurizio Pollini, Daniele Pollini

DG/Universal

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2018



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