Startseite · Klartext · Pasticcio

Will nicht mehr spielen: François-Xavier Roth (c) Holger Talinski

Pasticcio

Friedenspflicht!

Am 29. April dürfte zwar nicht gesamte Musik-, aber dafür immerhin die internationale Opernwelt auf Köln schauen. Dann nämlich gibt es die Neuinszenierung von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ und damit einer der bahnbrechendsten Opern des 20. Jahrhunderts. Regie dieses 1965 in der Domstadt uraufgeführten Coups wird Carlus Padrissa vom katalanischen Kollektiv La Fura dels Baus führen. Und am Pult des Gürzenich-Orchesters steht der Chef persönlich, François-Xavier Roth. Zusammen mit der Kölner Opern-Intendantin Birgit Meyer hat der Franzose dieses Stück auf den Spielplan gesetzt – anlässlich des Zimmermann-Jahres 2018 (der Rheinländer wurde vor genau 100 Jahren geboren). Doch im Vorfeld der mit Spannung erwarteten Premiere knistert es jetzt schon heftig aus einem ganz anderen Grund. Denn wie Kölns parteiübergreifende Stadtpolitiker sowie die lokalen Zeitungen einstimmig vermeldet haben, ist es um das Gespann Roth/Meyer nicht gut bestellt. Wenn es nach dem GMD geht, sollte die Intendantin so schnell wie möglich aus dem Amt gejagt werden.
Roth soll Meyer für eine fachlich wenig kompetente Person halten. Und während die Stadt mit dem Stardirigenten gerade über die ersehnte Vertragsverlängerung verhandelt (der Kontrakt läuft Ende der Saison 2019/20 aus), verknüpft Roth anscheinend sein Bleiben mit der Personalie Birgit Meyer. Bleibt sie, will er anscheinend nicht länger seinen Job beim Gürzenich-Orchester machen, den er erst mit der Spielzeit 2015/16 angetreten hat.
Angesichts dieser Forderung sprechen bereits schon so manche von „Erpressung“ und „schlechtem Stil“. Andererseits ist Roth tatsächlich in einer komfortablen Position. Nicht nur, weil er nach dem Weggang des alten Gürzenich-Chefs Markus Stenz das exzellente Niveau des Orchesters mindestens gehalten und damit Kölns Ruf als Musikstadt mächtig aufpoliert hat. Der dadurch geradezu unverzichtbar gewordene Roth ist ein international vielfach gefragter Dirigent, der neben seinem Originalklang-Orchester Les Siècles etwa das London Symphony als Principal Guest Conductor leitet. Angebote für einen anderen Chefdirigentenposten hätte der gebürtige Pariser sicherlich genug (nach dem Weggang von Daniel Harding ist ja bald auch das Orchestre de Paris verwaist…).
Köln bräuchte Roth – Roth aber eben nicht Köln. Dennoch sollte man bedenken, dass gerade die als fachlich zweitklassig geschmähte Intendantin es geschafft hat, das Opernhaus zumindest von den Besucherzahlen her wieder auf solide Füße zu stellen. Die Auslastung von 80 Prozent spricht da eine eindeutige Sprache. Und bei den schon bald ins Haus stehenden Vorstellungen von Zimmermanns „Soldaten“ dürfte die Auslastung sicherlich an die 100 Prozent gehen – wobei es sich ja nicht eben um ein Musiktheaterstück handelt, bei dem man sich zurücklehnen und mitsummen kann. Wie auch immer: angesichts der prekären Lage werden die Stimmen immer lauter, die speziell Kölns Oberbürgermeisterin fordern, „das zerschnittene Tischtuch wieder zusammenzunähen.“ Beste Gelegenheit gäbe es direkt am 29. April – im Rahmen der Premierenfeier, bei der sich auf Einladung der Stadtobersten François-Xavier Roth und Birgit Meyer am runden Kölsch-Tisch versöhnen könnten.

Reinhard Lemelle



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Wolfgang Muthspiel

Wegrand der möglichen Geschenke

Der österreichische Saitenzauberer veröffentlichte vor kurzem auf dem freigeistigen Münchner […]
zum Artikel »

Da Capo

Weimar, Nationaltheater: Franz Liszts/David Trippetts (Rekon.) „Sardanapale

Ein Liebespaar weiß nicht mehr so genau, ob es noch zusammenbleiben soll. Die Zweisamkeit scheint […]
zum Artikel »




Top