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(c) Josef Fischnaller

Emmanuel Pahud

Kurz vorm Kontrollverlust

Der vielleicht bestaussehendste Flötist der Gegenwart legt seine erste Solo-CD vor. Spät, aber doch.

Das Café „Pusteblume“ als Berliner Treffpunkt mit einem Flötisten?! „Obligatorisch“ nennt Emmanuel Pahud die Wahl trocken. Das Café ist ruhig. Und der prominenteste, jedenfalls meistbeschäftigte Solo-Flötist der Gegenwart – mit Doppelbelastung durch Dienst bei den Berliner Philharmonikern – ist ehrlich wie stets. Hinter seiner neuen Doppel-CD mit Solo- Werken von Telemann, Nielsen, Varèse, Pärt und zahllosen anderen verberge sich kein anspruchsvolles Programm. „Es ist ein Schwung von Stücken, die ich mag und die ich zum Teil seit vielen Jahren spiele.“ Von Marin Marais bis Jörg Widmann geht die Reise. Es ist „Abwechslung pur“. „Eine Gelegenheit, die Ohren zu reinigen und sich zu erfrischen.“
Aufgenommen hat er die 13 Werke in Baden-Baden – am Rand von Gastspielen der Berliner Philharmoniker. Und zwar im alten, legendären Hans Rosbaud-Studio, das, wie Pahud weiß, leider Gottes dem Abriss geweiht ist. „Was für eine Institution!“, so Pahud. „Es ging mir darum, hier noch einmal etwas aufzunehmen.“ Da liegt sogar noch etwas mehr „auf Halde“, was später veröffentlicht werden kann. „Für Flöte solo gibt es mehr Repertoire, als man denkt“, so Pahud. Vor allem aus der Belle Époque und dem 18. Jahrhundert. Nur wird es selten auf CD gemacht. Außer von Jean-Pierre Rampal und Patrick Gallois sind im Handel kaum Solo-CDs namhafter Flötisten greifbar.
„Das liegt auch daran, dass man Solo-Werke im Konzert kaum anbieten kann.“ Nanu? „Konditionell ist es zu anstrengend, und der Flüssigkeitsverbrauch wäre so hoch, dass man es sich kaum zumuten wird.“ Er trinke einen Liter Wasser pro Solo-Konzert, um nicht auszutrocknen. „Mit Orchester gemeinsam ist das nicht so schlimm. Und selbst mit Klavier gibt es immer wieder Übergänge, bei denen man nicht spielt.“ Pahud solo also existiert, als Langstreckenläufer, nur auf CD. Im Konzert gibt es kürzere Solo-Sprints.

Auf Linie

Dabei lässt sich das genussvoll genug anhören. Pahuds runder, warmer und flexibler Ton hat den Mann zu Recht weltberühmt gemacht. Allerdings legt er auf frankophone Eigenschaften wie die berühmte „Linie“ gar keinen so großen Wert. „Die Linie ist nicht mehr so wichtig, wie sie es früher einmal war“, so Pahud. „Auf die Meisterschaft kommt es an“ – also auf Professionalität und technische Unbestechlichkeit. Der französische Klang bestehe ohnehin nicht darin, dass alle Musiker zu einem einheitlichen Gesamtbild verschmelzen. „Die französische Schule gibt keinen Klang vor, sondern legt Wert darauf, dass alle Musiker ihre Individualität bewahren.“
Auf Linie komme es lediglich bei der Melodie an, so Pahud. „Und da versteht es sich ohnehin von selbst.“ So besteht auch der französische Charakter des Bläser-Ensembles, in dem sich Pahud seit Jahren engagiert, also von „Les Vents Français“, genau darin, „dass jeder von uns fünf Überfliegern seine Eigenart behaupten und einbringen darf“ – ohne sich vollständig zu integrieren. Das Französische war eben immer schon eine Spur lässiger, undogmatischer, offener, als wir uns das denken.
Die neue CD dürfte die erste überhaupt sein, auf der Pahud – trotz blendenden Aussehens – nicht auf dem Cover abgebildet ist. „Ich war es leid“, sagt er kleinlaut. „Das Programm ist zu vielfältig, ich wollte es weder zu plakativ noch zu persönlich werden lassen …“ So ist diesmal nur seine Goldflöte mittig platziert. Wer mehr sehen will, muss das Produkt umdrehen oder das Booklet öffnen. Ist eigentlich erstaunlich: Ist Pahud etwa nicht der bestaussehendste Vertreter seines Instruments überhaupt?! „Ich habe keine Meinung dazu“, flüstert er. „Ich kenne viele Flötisten, die besser aussehen als ich.“ Um rasch hinzuzufügen: „Allerdings machen die keine CDs.“

Star und Stall

Hinter dem alerten Star verbirgt sich – kein Wunder! – ein Arbeitstier und ein Auftritts-Junkie sondergleichen. Ohne mehrmals die Woche ein Podium zu betreten, macht es Pahud nicht. Dabei wird ihm die Doppelbelastung von Solistenleben und Orchesterdienst nie zu viel. Diese Doppelung ist übrigens eher neu, wenn man die Geschichte der Berliner Philharmoniker ansieht. Neben Pahud gelingt sie momentan auch noch den Kollegen Albrecht Mayer (Oboe) und Andreas Ottensamer (Klarinette). „Das hätte früher aber nicht funktioniert, denn das Orchester reservierte in der Ära Karajans viel mehr Zeit für eigene Schallplattenaufnahmen.“ So haben einzelne Star- Musiker durch ihre Solo-Karriere das Einknicken der CD-Industrie gleichsam auf eigene Faust kompensiert. Und auf eigene Rechnung.
Die Zukunft der Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chef Kirill Petrenko (ab 2019) wollen wir hier nicht beunken. Auf die Frage, ob es je einen besonders ‚flötenverliebten’ Philharmoniker-Chef gegeben habe, antwortet Pahud aber gern. Karajan galt ja als der große Harmoniker, Abbado als der Melodiker, Rattle als Rhythmiker der Berliner Philharmoniker. „Wenn man das so beschreibt“, so Pahud, „folgt ganz von selbst, dass Claudio Abbado der flötenfreundlichste Dirigent war“. Sogar bei Brahms, so Pahud. „Für Carlos Kleiber, unter dem ich noch einmal spielen durfte, galt allerdings ähnliches.“ Unter Abbado habe man immer gedacht, „man spielt so, wie man möchte“. In Wirklichkeit habe man „so gespielt, wie er es wollte“. Tja, daran zeigt sich der Dirigent als Zauberkünstler. Wie es ja auch wohl sein soll.
Aus alten Zeiten stammt auch die Vorliebe, Flöten aus purem Gold zu spielen. „Angefangen hat damit Jean-Pierre Rampal, der es zu seinem Markenzeichen machte.“ Dann kam die Platin-Flöte. „Die funktioniert für mich nicht so gut, weil sich der Klang nicht genug öffnet“, so Pahud. Eine Weile waren auch Holz-Querflöten groß in Mode. „Aber die verreisen nicht so gern“, meint Pahud. Er halte es darum ganz mit der Gold-Flöte. „In 14-karatigem Gold, so wie bei Rampal.“ Man sollte als junger Flötist nicht gleich mit Gold anfangen. „Erst Silber, dann Gold!“, das sei die Devise. Übrigens seien durch das Material weniger Stilunterschiede zu erzielen als durch die Individualität der Spieler. „Schließlich kann auch nicht jeder, der einen Führerschein besitzt, Formel-1 fahren.“
Spricht’s, und muss sofort einräumen, dass er, wenn er nicht den Beruf als Musiker eingeschlagen hätte, am liebsten Rennfahrer oder Skifahrer geworden wäre. „Immer kurz vor dem Kontrollverlust!“ Das sei das Beste. Eben das kriege er als Musiker aber auch gut hin. „Wir schaffen nicht. Es geschieht uns“, so Pahud. Und zwar immer wieder.

Neu erschienen:

„Solo“, Werke von Telemann, Ferroud, Nielsen, Honegger, Varèse, Karg-Elert, Takemitsu, Pärt, Pintscher, Widmann (2 CDs)

Emmanuel Pahud

Warner

Zuletzt erschienen:

„Concertante!“ (Werke von Danzi, Mozart, Devienne)

Emmanuel Pahud, Les Vents Français, Münchner Kammerorchester, Daniel Giglberger

Warner


Wundertüte

Telemanns einstündige, zwischen zeitgenössische Titel hier eingestreute „12 Fantasien für Flöte solo“ sind, als Zyklus geboten, von großer Rarität. Außer Rampal (1972) und dem amerikanischen Alte Musik-Spezialisten Jed Wentz scheint sich kaum jemand mit der Querflöte dafür eingesetzt zu haben (umso mehr Blockflötisten). Kaum besser steht es um „Les folies d’espagne“ von Marin Marais, das zweite große Werk auf Pahuds Doppel- CD. Ursprünglich für Violine solo geschrieben, wurde es erst mit der historischen Aufführungspraxis für Vorgänger der Querflöte ‚entdeckt’. Der Rest der Sammlung ist eine Wundertüte voll Preziosen von Nielsen, Honegger, Ferroud, Pintscher, Berio u.v.a.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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