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(c) Kaupo Kikkas

Schumann Quartett

Familien-Unternehmen

Dieses junge Quartett ist die Kammermusik-Formation der Stunde. Mit großartiger CD und Mut zur musikalischen Dreckigkeit.

Streichquartette spielen perfekt. Manchmal zu klinisch, fast überperfekt. Insbesondere dann, wenn man sie mit Granden der Vergangenheit vergleicht, etwa mit dem Amadeus- oder gar mit dem pionierhaften Busch-Quartett. Die trotzdem musikalisch was zu bieten haben. „Stimmt!“, stößt Ken Schumann, 2. Geiger des Schumann Quartetts, ins Horn. „Wir stehen heute vielfach unter Perfektionszwang, teilweise sind die Wettbewerbe daran schuld.“ Wer nicht blitzsauber spiele, sei sofort raus. „Warum eigentlich?! Wir dienen doch der Musik, und die ist mehr als Cleanness und Fehlerfreiheit.“ Das Schumann Quartett spiele „lieber auf Risiko, um lebendig zu bleiben und das Musikantische nicht zu verlieren“.
Das heißt nicht, dass hier mit quietschenden Geigen oder ungenauer Intonation zu rechnen wäre. „Wir spielen sauber, aber darauf kommt es nicht an“, so Ken Schumann. Auch dürfe man sich nicht die Fähigkeit nehmen lassen, die Phrasierungskunst älterer Vorgänger-Quartette zu schätzen. „Dass die Musik spricht, ist das einzige, was zählt.“ Es müsse so ungeschminkt wie möglich klingen. „Ohne Make-up.“
So lässt sich ein Familien- Quartett vernehmen, das zu den Shooting-Stars der Kammermusik-Szene zählt. Gegründet 2007, war das Schumann Quartett ursprünglich eine reine Familienangelegenheit. Primarius Erik Schumann (*1982), gefolgt von Ken (*1986) und den Zwillingen Lisa und Mark Schumann (*1988), der noch heute am Cello sitzt. Schwesterchen scherte aus familiären Gründen irgendwann aus, ist aber beruflich bei der Musik geblieben. Also musste eine Viola her. Seit 2012 wird sie von der estnischen Bratscherin Liisa Randalu gespielt (aus Lisa mach Liisa). Aufgewachsen sind die vier Kinder in der Nähe von Köln, die Mutter ist Pianistin, der Vater Geiger bei den Düsseldorfer Symphonikern. Wie man es hinbekommen hat, sämtliche Kinder zwanglos zur Musik zu bringen, wäre eigentlich einen Preis wert. „Musik wurde uns vorgelebt“, so Cellist Mark Schumann. „Wir saßen gemeinsam auf dem Boden und hörten Heifetz-, Oistrach- oder Rubinstein-Platten. Und die sind doch wirklich sehr schön …“
Man gewann Preise. Kammermusik- Doyen Menahem Pressler war von dem Quartett dermaßen begeistert, dass er anbot, für eine gemeinsame Tournee eigens das Klavierquintett von César Franck einzustudieren. Das geschah kürzlich. Der Komponist Aribert Reimann war gleichfalls begeistert und arbeitete mit ihnen sein „Adagio zum Gedenken an Robert Schumann“ durch. Reimann ist ihnen „ganz, ganz wichtig“, deswegen haben sie bei ihrer jüngsten Tournee nicht nur für die US-Premiere des betreffenden Werkes in New York gesorgt. Sondern es auch gleich mitgenommen auf ihr neues Album, ihr inzwischen zweites bei Berlin Classics.

Befreundeter Antipode

„Intermezzo“, dieser Titel bezieht sich auf eine kurze, rätselhafte Passage in Schumanns Streichquartett a-Moll op. 41/I. Die Schumanns spielen’s hinreißend und mit großer, lyrischer Geste. Obwohl vielleicht nicht verwandt, macht das Schumann Quartett aus der Namensgleichheit hier mirakulösen Sinn. Die großartige Anna Lucia Richter singt drauf fünf Schumann-Liedbearbeitungen von Reimann. Das Mendelssohnsche Es-Dur-Quartett op. 12 wird endlich einmal als Meisterwerk eines mit Schumann „befreundeten Antipoden“ gedeutet: melancholisch, atmosphärisch trunken und liedhaft schlicht. Eine meisterhafte CD.
Gelernt haben die vier bei Günter Pichler, dem ehemaligen Primarius des Alban Berg Quartetts. Der habe ihnen nicht zuletzt „Zuverlässigkeit“ beigebracht. Man müsse nicht nur musikalisch, sondern auch organisatorisch gut klappen. „Wir sind eine kleine Firma, die Musik macht, aber auch wirtschaftlich funktionieren muss“, so Ken Schumann über eine Haupt-Lehre Pichlers. Auch von Menahem Pressler habe man stets – zu Zeiten, als man noch Briefe schrieb – umgehend eine Antwort erhalten. „Deswegen nehmen wir eben auch dieses Gespräch ganz wichtig.“
Musikalisch unverwechselbar ist gewiss der steile Ton des Primgeigers Erik Schumann – welcher durch seine Professur in Frankfurt a.M. dafür gesorgt hat, dass das Quartett mittlerweile daselbst beheimatet ist. „So Primarius-betont wie etwa das Amadeus-Quartett sind wir aber noch lange nicht“, so Ken Schumann. „Wir haben einen dominanten 1. Geiger, versuchen aber symmetrisch zu spielen.“ Mit anderen Worten: „Bei uns spielt jeder die erste Geige.“
Dass das Schumann Quartett beim Mozartfest Würzburg gleich mit sechs Konzerten als „Artiste étoile“ eingebaut wurde (teilweise im Verein mit den Bamberger Symphonikern!), verrät Weitblick der Festival-Macher und Überflieger-Erfolg der Musiker. Das Schumann Quartett ist die Kammermusik- Formation der Stunde. Ihr Album unterstreicht das.

Neu erschienen:

Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Aribert Reimann

Intermezzo

Schumann Quartett, Anna Lucia Richter

Berlin Classics/Edel


Im Dämmerlicht

Von den drei Streichquartetten Schumanns gibt es kaum kanonische Aufnahmen, abgesehen vom Quartetto Italiano und dem (seit Jahrzehnten vergriffenen) Juilliard Quartet. Beim ersten in a-Moll, hinsichtlich Beliebtheit in der Mitte, ist immerhin mit dem Leipziger Streichquartett, dem Quatuor Modigliani, dem Guarneri und Budapest String Quartet zu rechnen. – Noch magerer sieht es bei den sechs Mendelssohn-Quartetten aus. Außer den Leipzigern, dem Emerson String Quartet und neuerdings dem Mandelring Quartett ist wenig Zyklisches zu finden. Am ersten in Es-Dur haben sich immerhin das Alban Berg Quartett, das Minetti Quartett und das Quatuor Mosaïques maßstäblich versucht. Noch viel zu tun!


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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