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(c) Lev Efimov

Daniel Lozakovich

Durchboxen

Der gerade 17-jährige Geiger greift bei seiner Debüt-Einspielung mit Werken von Bach nach den Sternen.

Als Daniel Lozakovich im Februar in Berlin Tschaikowskis hochvirtuoses Violinkonzert spielte, titelte der Tagesspiegel „Mehr als ein Wunderknabe“. Tatsächlich scheint sich auf den ersten Blick die nach Dressur riechende Titulierung aufzudrängen, denn der Siebzehnjährige wirkt jünger, eben wunderknabenhaft und zart. Der in Schweden geborene Geiger mit kirgisisch- weißrussischen Wurzeln lebt in Genf, wo er in einem Internat noch mehr als ein Jahr zur Schule gehen wird. Interviews kann er erst nach dem Unterricht geben. Anfangs ist er noch etwas scheu, aber schnell wird deutlich, dass Lozakovich sehr genau weiß, was er will und durchaus selbstbewusst ist. So sehr, dass er sich für seine Debüt-CD gleich an Bach herantraut, nämlich an die Solokonzerte Nr. 1 & 2 und die Partita mit der berühmten Chaconne. „Ich habe Bach gewählt, weil er mein Lieblings-Komponist ist. Für mich zeigt Bach, wer Du wirklich bist. Ich wollte mit den Bach-Solokonzerten und der Partita Nr. 2 unterschiedliche Seiten von Bach zeigen: Kammermusik in den Konzerten und den sehr intimen Bach der Partita. Die Chaconne ist das größte Solowerk für Violine überhaupt, eine große Herausforderung, damit kann man einfach alles zeigen.“
Die Konzerte geht Lozakovich zügig, rhetorisch klug und musikantisch, mit eher schlankem Ton an, in der Partita dagegen entwickelt er mehr Klangsubstanz, einen großen, aber nicht ins vibratoselige ausfransenden Ton. Er spielt seit dem Sommer des vergangenen Jahres die Stradivari „ex Baron Rothschild“ von 1713, eine Leihgabe. „Ich finde jeden Tag neue Geheimnisse. Aber man muss die Fähigkeiten und das Gespür dafür besitzen, die Geheimnisse zutage zu fördern. Sonst klingt eine Stradivari gar nicht besser als andere Instrumente. Das ist eben das Besondere! Und ihre Tragfähigkeit in großen Konzertsälen ist genial, denn als diese Instrumente gebaut wurden, gab es solche großen Säle ja noch nicht. Stradivari- Geigen tragen einfach besser als alle anderen Geigen. Und sie haben diesen Reichtum an Farben.“
Gegen die Mär vom Wunderknaben spricht auch sein unorthodoxer Werdegang: Die Eltern hatten nichts mit Musik zu tun, als Kind war der Sport wichtig, vor allem Tennis. Aber da gab es noch etwas anderes: „Meine Eltern haben bemerkt, dass ich musikalisch bin, weil ich als Kind pausenlos gesungen habe. Deshalb haben sie mich zur Musikschule gebracht, da sollte ich ein Instrument wählen. Ich war fast sieben und zum ersten Mal hörte ich jemanden bewusst Geige spielen und tatsächlich den ersten Satz des e-Moll-Konzerts von Bach. Ich war sofort verliebt, es fühlte sich an wie eine magische Kraft. Als hätte ich immer schon Geige spielen wollen. Und ich erinnere mich, dass ich Tränen in den Augen hatte.“

Lieber spät als nie

Wer es auf der Geige zu etwas bringen will, muss früh beginnen. Jedenfalls früher als Lozakovich, als er seine große Liebe entdeckte. Daher fand sich zunächst kein Lehrer, weil Lozakovich mit sieben Jahren schon als zu alt galt.
„Und dann haben wir doch noch eine Lehrerin gefunden, die sagte: ‚Ok, dann nehme ich eben noch einen hoffnungslosen Fall.‘ Aber nach der ersten Stunde hat sie meine Mutter angerufen und ihr gesagt: ‚Er ist geboren, ein großer Geiger zu werden.‘ So fing es an.“ Man muss es ihm glauben, denn er sagt das völlig unprätentiös, so als würde er lediglich seine Schuhgröße mitteilen. Und genauso selbstverständlich geht er auch auf die Bühne. „Ich bin nie nervös, denn warum sollte ich? Es ist Spaß für mich. Ich denke nur an die Musik und ich liebe es aufzutreten.“
Gleich nach der ersten Begegnung mit dem Instrument stand für Lozakovich fest, dass er die Geige zum Beruf machen würde. Seine Mutter hatte einen anderen Plan, sie träumte für ihren Sohn von einer Laufbahn als Tennis- Profi, aber der Sohn setzte sich durch. Lozakovich ist immer noch extrem sportlich, spielt Tennis, Fußball und boxt. „Das Boxen trainiert vor allem die Reaktion“ erklärt er das ungewöhnliche Hobby. Außerdem spielt er Schach, sammelt Vinylplatten und CDs. Vorbilder findet er bevorzugt in der Vergangenheit. „Ich würde eher sagen: Inspirationen. Das sind Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler oder Carlos Kleiber, Leonard Bernstein, Herbert von Karajan, Bruno Walter. Und unter den lebenden Valery Gergiev, er ruht niemals und gibt sein Leben für die Musik. Dann liebe ich Andris Nelsons, Riccardo Muti, Lahav Shani und viele andere. Unter den Geigern Jascha Heifetz, Fritz Kreisler, Yehudi Menuhin, Josef Hassid und Leonid Kogan.“
Wofür will er sich als Geiger besonders stark machen? „Ich liebe das Schumann-Konzert, es ist immer noch total unterbewertet, dabei ist es eines der genialsten Konzerte!“

Neu erschienen:

Johann Sebastian Bach

Violinkonzerte Nr. 1 & 2, Partita Nr. 2

Daniel Lozakovich, Kammerorchester des Bayerischen Rundfunks

DG/Universal


Will nur spielen

Daniel Lozakovich wurde 2001 in Stockholm geboren und gab bereits zwei Jahre nach seiner ersten Geigenstunde mit dem Staatlichen Kammerorchester „Moskauer Virtuosen“ und Vladimir Spivakov sein Debüt als Solist in Moskau. Heute studiert er bei Josef Rissin an der Hochschule für Musik Karlsruhe und wird zudem künstlerisch von Eduard Wulfson betreut. Im Mai 2016 gelang ihm sein internationaler Durchbruch als Gewinner des internationalen Vladimir Spivakov-Wettbewerbs. Kurz darauf trat er als Solist mit dem Mariinski-Orchester unter Valery Gergiev beim Abschlusskonzert der 15. Moskauer Osterfestspiele auf. Demnächst tourt er mit dem hr-Sinfonieorchester und eröffnet im Juli das Verbier-Festival.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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