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Hier wirds Ereignis: Charpentier-Aufnahmen mit dem Ensemble Desmarest unter Ronan Khalil ® Dunnis Hong /Glossa

Marc-Antoine Charpentier

Monsieur Le Grand

Mit seinem Te Deum galt er lange als One-Hit-Wonder. Doch inzwischen verfügt der vor 375 Jahren geborene Charpentier über eine beachtliche Diskografie.

Als Marc-Antoine Charpentier am 24. Februar 1704 in seiner Geburtsstadt Paris verstarb, hinterließ er ein enormes musikalisches Erbe: 28 Prachtbände dokumentierten ein Schaffen, das ihn als großen Opernkomponisten genauso auswies wie als Schöpfer höchst amüsanter Schauspielmusiken. Auf dem Gebiet der geistlichen Musik stehen allein über 400 Motetten, 34 Oratorien und elf Messen zu Buche. Trotzdem verstaubte dieses Notenkonvolut für Jahrhunderte vergessen in der Pariser Bibliothèque Nationale bis zu jenem Jahr 1953, als Charpentier urplötzlich als Komponist der „Eurovisions-Hymne“ Weltkarriere machte.
Was seine musikalischen Projekte anging, war Charpentier nicht zu bremsen, was aber seine Person betrifft, da hielt er sich mit Informationen sträflicher Weise sehr zurück. Lediglich eine einzige autobiografische Notiz ist aus seiner Feder überliefert, zugleich für sein eigenes Begräbnis vertont. „Epitaphium Carpentarii“ lautet die Kantate, in der es heißt: „Musiker war ich, geachtet von den Achtbaren und als dumm von den Dummen betrachtet. Da die letzteren in der Überzahl sind, wurde ich mehr verachtet als gelobt – meine Musik wurde mir zur kleinen Ehre und schweren Bürde. Und so nahm ich sterbend, genau so wenig weg, wie ich – mit nichts in die Welt geboren – gebracht hatte.“
Ganz so vergebens, wie Charpentier hier augenzwinkernd der Nachwelt suggeriert, war es nicht gewesen, die französische Barockmusik auf eine neue Stufe zu stellen. Zwar blieb ihm in seinen 70 Lebensjahren der direkte Zugang zum Machtzentrum Frankreichs verwehrt, etwa als 1683 die Stelle eines „Sousmaîtres de la musique du Roy“ in der Versailler Kapelle ausgeschrieben wurde und Charpentier krankheitsbedingt seine Bewerbung zurückziehen musste. Doch da sich Ludwig XIV. schon lange zu seinen größten Bewunderern zählte, gewährte er ihm eine lebenslange Pension. Dieses Ansehen in den höchsten Kreisen brachte nicht zuletzt den allmächtigen, auf den Kollegen gehörig eifersüchtigen Jean-Baptiste Lully zur Weißglut. Trotz aller Rivalität besteht aber kein Zweifel, dass beide auf ihre Weise den französischen Stil maßgeblich geprägt haben.
Wie Lully widmete sich Charpentier immer wieder dem Musiktheater. Seine eigentliche Domäne blieb aber die Kirchenmusik. 1684 hatte er die Leitung des jesuitischen Collège Louis-Le-Grand übernommen und schrieb darüber hinaus Werke für den Frauenorden „Port- Royal“, wirkte überdies ab 1698 bis zum seinem Tod als Kapellmeister an der Sainte-Chapelle- du-Palais.

Schwebende Eleganz, kühne Harmonien

Prägend für den Kirchenmusikkomponisten Charpentier wurde sein Aufenthalt in Rom. Dort hatte er ab 1665 drei Jahre lang bei Giacomo Carissimi studiert, der als bedeutendster Oratorienkomponist galt. Und wie es in einem Nachruf auf Charpentier zu lesen stand, „hatte er bei diesem Meister die so seltene Kunst gelernt, durch die Töne der Musik den Sinn der Worte auszudrücken und zu rühren.“
Dieser Kunst begegnet man im Grunde in allen geistlichen Werken Charpentiers. Und gleichgültig, zu welchem Anlass und für welche Besetzung er sie geschrieben hat – immer auch spickte er sie mit völlig unerwarteten melodischen Wendungen und kühnen Harmonien. Es sind gerade die „intimeren“, anmutigeren Werke wie das „Magnificat pour le Port Royal“ sowie das „Dixit Dominus pour le Port Royal“, die sich mit ihrer schwebenden Eleganz deutlich vom Kirchenkomponisten Lully absetzen. Das Magnificat und das Dixit Dominus findet man neben zwei weiteren Stücken auf der Neueinspielung „Messe pour le Port- Royal“, mit der das Alte Musik-Ensemble Ricercar nun eine Repertoirelücke schließt. Immerhin handelt es sich um unveröffentlichte Werke von Charpentier, die von Benoît Mernier für diese Einspielung eingerichtet wurden. Die zweite Neuerscheinung, mit der man das Charpentier-Jahr 2018 (375. Geburtstag) unbedingt feiern sollte, gilt der zweiaktigen Oper „La descente d’Orphée au enfers“. Bereits 2016 hatte sich Sébastien Daucé mit seinem Ensemble Correspondances Charpentiers Vertonung des Orpheus-Mythos mit herrlicher Leuchtkraft und der notwendigen Finesse für das auch Zartbesaitete dieser Musik angenommen. Dieses Niveau erreicht das von Ronan Khalil geleitete Ensemble Desmarest nun mühelos. Und als Primus inter pares ist der von William Christie ausgebildete Tenor Cyril Auvity als „Orphée“ zu erleben.
Größter Motor für die Wiederbeatmung der französischen Barockmusik in den letzten Jahrzehnten war zweifelsohne der amerikanische Wahl-Franzose William Christie. Lully, Rameau und eben auch Charpentier hat Christie für sein kongeniales Ensemble Les Arts Florissants ausgegraben und gemeinsam aufgenommen. Hier ist jedes Projekt ein Volltreffer: Ob Charpentiers abendfüllende Oper „Médée“, das musikalische Amüsement in „Les plaisirs de Versailles“, die mit Verve und geistvoller Kultiviertheit ausmusizierten Motetten „Judicium Salomonis“ und „Motet pour une longue offrande“ oder – Christies Charpentier- Rakete de Luxe – die freche und witzige Commedia dell’arte-Sause „Le malade imaginaire“, für die einst Charpentier und Molière ein Dreamteam bildeten.
An Christies diskografischen Output kamen Jean-Claude Malgoire und Reinhard Goebel zwar nicht heran, dennoch haben sie Charpentier- Statements abgeliefert, die bis heute nachhallen und Gültigkeit besitzen. Der mit 77 Jahren gerade erst verstorbene Malgoire kitzelte mit seinem 1966 gegründeten Alte Musik-Ensemble La Grande Écurie et la Chambre du Roy und später auch als Chef des Versailler Centre de musique baroque die Größe und Tiefe von Charpentiers Musik beeindruckend detailreich heraus. Und Reinhard Goebel, der mit seinem Ensemble Musica Antiqua Köln bereits im Jahr 2000 mit dem Soundtrack zum Streifen „Der König tanzt“ den französischen Kollegen gezeigt hatte, wie exquisit und prächtig zugleich man Lullys Musik in Szene setzen kann, wiederholte dieses Kunststück 2003 mit einer Charpentier-Hommage. Fulminant tönt es gleich zu Beginn – mit einem „Marche de triomphe“, der als „Eurovisions-Hymne“ mindestens ebenso zündend im Ohr geblieben wäre.

Unerreicht:

„Le malade imaginaire“

William Christie, Les Arts Florissants

Harmonia Mundi

„Airs de cour“

Cyril Auvity, L’Yriade

Glossa/Note 1

„O Maria! Psaumes & Motets

Sébastien Daucé, Ensemble Correspondences

Zig-Zag/Naxos

Neu:

„La descente d’Orphée au enfers“

Ronan Khalil, Ensemble Desmarest

Glossa/Note 1

„Messe pour le Port-Royal“

Capella Ricercar

Ricercar/Note 1

Ins Theater:

„Medée“

William Christie, Les Arts Florissants

Harmonia Mundi

„Actéon“

Paul O’Dette & Stephen Stubbs, Boston Early Music Festival

cpo/JPC

In die Kirche:

„Missa Assumpta est Maria“

Hervé Niquet, Le Concert Spirituel

Glossa/Note 1

„Te Deum“ u. a.

Vincent Dumestre, Le Poème Harmonique

Alpha/Note 1

„Motets pour une Princesse"

Gaétan Jarry, Marguerite Louise

L’Encelade/Klassik Center Kassel

Archiv-Schätze:

„Musique sacré“

Reinhard Goebel, Musica Antiqua Köln

DG/Universal

„Messe à 4 choeurs”

Jean-Claude Malgoire, La Grande Ecurie, La Chambre du Roy

Erato/Warner

„Musique de theatre“ – Concert, Sonate à huit

Charles Medlam, London Baroque

Harmonia Mundi


Die Geburt eines Welthits

Mit den wohl populärsten Trompetenfanfaren der Barockmusik, dem „Prélude. Marche en rondeau“, eröffnete Marc-Antoine Charpentier jenes „Te Deum“, das ihn 249 Jahre nach seinem Tod quasi aus dem Dornröschenschlaf erwecken sollte. Das von Musikwissenschaftler Carl de Nys Anfang der 1950er Jahre wiederentdeckte Werk wurde 1953 in der Fassung von Guy Lambert von Dirigent Louis Martini weltersteingespielt. Aus dieser allerersten Aufnahme eines Charpentier-Werks überhaupt stammt denn auch der Klangschnipsel, der fortan als „Eurovisions-Hymne“ Fernsehzuschauer festlich auf TV-Unterhaltung einstimmte. Zugleich war sie auch der Startschuss für die seither ungebrochene Renaissance von Marc-Antoine Charpentiers Musik.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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