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Tampieri und Dantone (c) Giulia Papetti

Vivaldi Edition

Die Schatzsuche geht weiter

222 Künstler, über 200 Stunden Musik auf 54 Veröffentlichungen: Das ist – bisher – die bedeutende Vivaldi Edition bei naïve.

Hurra! Es geht weiter! Das war vor einem halben Jahr eine sehr gute Nachricht, die zu einer Art Klassenausflug in den Emilia-Ort Bagnacavallo führte. Dort, in dem pittoresken Städtchen mit dem schönen Namen „Pferdetränke“, im Windschatten Ravennas, sitzt inzwischen die von Ottavio Dantone geleitete Accademia Bizantina. Und hier trafen sich Vertreter von Platten- und Vertriebsfirmen sowie der Presse, um mit Konzert und CD-Präsentation Zeugen zu werden des neuerlichen Anfangs von einem der schönsten, langwierigsten und aufwändigsten Aufnahmeprojekte der jüngeren Plattengeschichte: der inzwischen seit 18 Jahren laufenden Turiner Vivaldi-Edition.
Vor drei Jahren war das gewaltige, einst von der Firma Opus 111 mit der Capella della Pietà de‘ Turchini initiierte, dann nach deren Aufkauf durch die französische Firma naïve mutig geschulterte Unternehmen ins Stocken gekommen. Doch inzwischen haben die Franzosen neue Geldgeber. Und so präsentierte sich als Gesicht der Edition wiederum die amerikanische, schon lange in Italien lebende Musikforscherin Susan Orlando. Getreu deren Motto „Vivaldi has to swing“ geht es jetzt mit den letzten zwei Dutzend CD-Ausgaben in die Zielgerade. Vergangenen Dezember erschien die hinreißende Pasticcio-Oper „Dorilla in Tempe“ mit so bewährten Vokalkräften wie Romina Basso und Sonia Prina unter Leitung von Darmsaiten- Irrwisch Diego Fasolis. Der Mai bringt aktuell die dritte Folge der „Concerti per archi“ sowie der „Concerti per viola d’amore“ eben mit Dantone und der Accademia Bizantina. Und auch Sergio Azzolini freut sich schon auf eine neue Folge der berüchtigten Fagottkonzerte. Berüchtigt vor allem deshalb, weil Vivaldi eine schier unglaubliche Menge der herrlich brummeligen Dinger verfertigte.
So hatte eben jede Zeit ihre Mode. Musikalisch wie optisch. An einem halten allerdings auch die neuen CDs der Vivaldi-Edition fest: an ihrem von naïve eingeführten Markenzeichen, den Cover-Girls. Anfangs gefiel das vielen Puristen nicht, arg modische Model-Damen (und seltener auch -Herren) mit schrillem Make-up – zu austauschbar, zu glamourös. Doch diese stummen Schönheiten blieben. Man kauft CDs heute eben auch mit dem Auge. Der Inhalt der Platten dagegen überzeugte fast immer. Ja, man freute sich irgendwann sogar voller Ungeduld auf das nächste von Denise Rouve jeweils eigens fotografierte Musikmädchen.

Venezianer in weißem Leder

Turin, einstige Hauptstadt des Herzogtums Savoyen, versteckt seine architektonischen Barockperlen, seine Museen wie auch seine kulinarischen Finessen immer noch gern hinter dem Image der uninteressanten, aber touristenfreien Industriestadt. Deshalb hat man auch um die im Ostblockambiente sich präsentierende, da im Krieg zerstörte Biblioteca Nazionale Universitaria samt ihrer Notenschätze wenig PR-Wind gemacht. Dort ist es zwar nicht üblich, aber durchaus möglich, bei hellstem Tageslicht etwa über das in weißes Leder eingebundene Papier der Originalpartitur von Antonio Vivaldis berühmtester Oper „Orlando furioso“ zu streichen. So viele flüchtig hingeworfene, leider auch schon vom Tintenfraß der Eisengallustinte bedrohte Noten!
Diese 1727 in der Lagunenstadt uraufgeführte, an köstlichen Arienschätzen reiche Oper stammt nicht nur von einem der berühmtesten Barockkomponisten, sie gehört auch zu den Hauptwerken ihrer Zeit. Und obwohl es davon schon Ende der Siebzigerjahre eine Aufsehen erregende (wenngleich wenig authentische) Gesamtaufnahme mit Marilyn Horne und Victoria de los Angeles gab, löste diese noch keineswegs einen Vivaldi-Boom aus – im Gegenteil. Dabei enthalten die 27 Turiner Bände, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg nach langer Teilung samt einer verschlungenen Odyssee aus Venedig per Zufall nach Piemont gelangten, nichts weniger als Vivaldis privates Notenarchiv.
Neben einer Vielzahl schon früh gedruckter Concerti schlummert hier auch eine der tollsten Sammlungen italienischer Vokalmusik. Da finden sich Opern und Kantaten, Weltliches und Geistliches. Und es wundert immer noch, warum es so lange dauerte, bis diese – im Zuge des anschwellenden Händel- wie Barockbooms auf den Opernbühnen der Welt – ausgewertet, aufgeführt und schließlich eingespielt wurde. In der von dem Musikwissenschaftler Alberto Basso angeregten, dann von Susan Orlando praktisch realisierten Turiner Vivaldi-Edition waren von Anfang an die besten der jüngeren italienischen Barockensembles involviert; freilich wurde, je nach Genre, auch auf Musiker aus Frankreich oder Deutschland zurückgegriffen. Hauptsache, das Zeitalter des Nähmaschinen-Barocks à la „I Musici“ oder „I Solisti Veneti“ fand damit ihr Ende.
Parallel und abwechslungsreich wurden verschiedene Teilgenres gleichzeitig neu aufgerollt. Da gibt es Abteilungen mit Solokonzerten und Concerti grossi, mit der lange vernachlässigten geistlichen Musik und eben die inzwischen besonders Furore machenden Opern. Nach dem nicht abschwellenden Händel-Boom schien die Zeit dafür gekommen. Etwa 50 Libretti von angeblich 100 Opern haben sich erhalten. Komplette Partituren gibt es aber nur von 16, wovon 14 in Turin und zwei in Berlin lagern.
Doch die Archäologen sind längst ausgeschwärmt. Denn Vivaldi, der 1741 verarmt in Wien starb, hatte einst eine europaweite Anhängerschaft, seine Noten sind weit verstreut. Und noch ist das frisch entfachte Vivaldi-Fieber nicht erloschen. Was dieser Edition weiterhin Aufwind geben dürfte.

Neu erschienen:

Antonio Vivaldi

Concerti per archi III, Concerti per viola d’amore

Alessandro Tampieri, Accademia Bizantina, Ottavio Dantone

naïve/Indigo

Erscheint im Herbst:

Antonio Vivaldi

Il Giustino

Barath, Galou, Cangemi, Gonzalez, Giangrande, Venditelli, Maas, Accademia Bizantina, Dantone

naïve/Indigo


Kompendium

In der Turiner Nationalbibliothek werden circa 450 Werke aus der persönlichen Manuskriptsammlung Antonio Vivaldis aufbewahrt. Darunter sind 20 mehr oder weniger komplette Opern, 57 Sakralwerke, 110 Violinkonzerte, 19 Cellokonzerte, 5 Konzerte für Viola d’amore, 40 Konzerte und Ouvertüren für Streichorchester, 39 Konzerte für Fagott, 12 Konzerte für Flöte, 11 Konzerte für Oboe, 43 Konzerte für diverse Instrumente, 27 Kammersonaten und 78 Arien. 55 CD-Veröffentlichungen mit über 220 Stars der Barockmusik gab es, 24 folgen noch. Und über 800.000 CDs wurden bisher davon verkauft.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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