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(c) Mathias Marx

Heinrich Schütz Musikfest

Erinnerungs-Kultur

Die dem Dresdner Kapellmeister gewidmeten Festspiele verbinden gleich drei mitteldeutsche Bundesländer. Dabei geht es nicht allein um Alte Musik.

„Verley uns frieden“ – das „y“ im Motto weißt schon auf das Alter des Leitworts hin, und dass die musikliebende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hier als Schirmherrin fungiert, macht durchaus Sinn. Denn das vor 20 Jahren gegründete Heinrich Schütz Musikfest ist heute in Mitteldeutschland nicht nur ein modernes Forum für die Musikkultur des 17. Jahrhunderts, es will mit seinem diesjährigen Thema den Bogen in das Jahr 2018 schlagen. 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, 1918 war der Erste Weltkrieg vorbei. Mitten im großen Schlachten hatte sich auch der Dresdner Hofkapellmeister Schütz bitter beklagt, dass „die löbliche Music / von den noch anhaltenden gefährlichen Kriegs-Läufften in vnserm lieben Vater-Lande … nicht allein in grosses Abnehmen gerathen sondern an manchem Ort gantz niedergelegt worden“ sei.
Festival-Chefin Christina Siegfried lädt zu einer musikalischen Zeitreise ein, in der die Beziehungsbögen zur Gegenwart essenziell sind. Dabei treffen internationale Stars der Alten Musik auf Nachwuchskünstler, Liedermacher und Folkmusiker. Das dezentral angelegte Musikfest, das in Bad Köstritz, Dresden, Weißenfels, Gera, Zeit und Lützen und damit in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen abgehalten wird, erobert sich neue Spielstätten und spürt in Konzerten mit modernen Kontrapunkten dem Klang von Krieg und Frieden bis ins Heute nach.
Dabei muss Siegfried keineswegs verhehlen, dass die hier gespielte Musik zum Teil über 380 Jahre alt ist, da sie uns etwas zu sagen hat, „weil sie nie ihre Aktualität verlor, sie ist überzeitlich geblieben“. Vom 5. bis 14. Oktober möchte sie das in jedem ihrer vielfältigen und thematisch überraschend konzipierten Konzerte unter Beweis stellen. Als Artist in Residence hat sie sich für die aktuelle Schütz Fest-Ausgabe die deutsche Sopranistin Dorothee Mields eingeladen: „Sie singt wunderbar klar und rein, aber sie bleibt immer Mensch, die Stimme ist Mittel zum Zweck, will rühren. Das gelingt ihr großartig.“
Für den großen Bogen verlässt Dorothee Mields sogar ihre barocke Komfortzone, zeigt sich im Auftaktkonzert mit der Lautten Compagney Berlin als versierte Chanson-Interpretin, die Kriegslieder von 1918 und die Bänkelsongs der Zwanziger mit historischem Liedgut zu verbinden weiß. Natürlich ist sie aber auch klassisch mit der Hamburger Ratsmusik zu erleben und singt Werke des letzten Schütz- Schülers Johann Theile oder im Abschlusskonzert in der Dresdner Annenkirche Schütz-Motetten.
Christina Siegfried geht es beim Musikgenuss und der Erfahrung besonderer Konzertorte wie -kombinationen immer auch um einen Mehrwert. „In einem so erinnerungsbeschwerten Jahr wie 2018 kann uns der Blick zurück allein nicht genügen. Wir brauchen eine Rückbesinnung, eine positive Selbstvergewisserung in unserem kulturellen Fundament. Aus unseren Wurzeln erwächst uns die Kraft, in einer Gegenwart zu bestehen, die ein Miteinander des Verschiedenen ist. Dieses braucht einen offenen Geist, ein weites Herz und lebendige Toleranz. Nicht ohne Grenzen, nicht ohne Wehr; doch erwächst sie aus einer grenzenlosen Menschenliebe.“


Heinrich Schütz Musikfest 2018

„Verley uns frieden“, 5. - 14 Oktober
www.schuetz-musikfest.de


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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